«Rethink Mobility»

2014 haben verschiedene Departemente der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Idee eines nachhaltigen, urbanen Transportmittels der Zukunft aufgenommen. Eine Erkenntnis aus dieser Arbeit war, dass es im Markt eine Lücke für ein spezifisches Sharing-Mobility-Angebot gibt. Aus der Forschungsarbeit entstand ein Spin-off-Unternehmen, das den «BICAR» für ein urbanes Mobilitätskonzept bereitstellen will. 

Die engagierten Gründer der shareyourbicar ag (BICAR) sind Hans-Jörg Dennig und Adrian Burri. Aktuell arbeiten insgesamt 15 Personen am Projekt. Zu den Mitarbeitenden gehören nicht nur Angestellte, sondern auch Studenten und viele Freiwillige, die diesem Projekt ihre Zeit aus Freude und Begeisterung widmen.

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Ein Gespräch mit Hans-Jörg Dennig und Adrian Burri:

Herr Dennig, woher kommt die ursprüngliche Idee zu BICAR?bicar-logo-final-otext

Als wir uns mit dem Thema zu beschäftigen begannen, war eine unserer Erkenntnisse, dass es im Markt eine Lücke für Sharing-Mobility gibt. Bis anhin fehlte insbesondere ein Fahrzeug für die smarte Mobilität in Städten. Daraus haben wir dann das Projekt von BICAR lanciert.

Wie lange hat es von der Idee bis zur Produktionsreife gedauert?

Noch hat das Produkt die Produktionsreife nicht erlangt. Wir denken, dass wir bis 2020 in die Serienproduktion gehen können. 2014 arbeiteten wir am Forschungsprojekt. Das Spin-Off BICAR haben wir dann im Jahr 2016 gegründet.

Für 2017 war eine Testflotte mit 20 Fahrzeugen geplant. Wo steht Ihr da?

Die Testphase wurde auf Ende 2019 verschoben. Wir wollen in mehreren Städten testen, darunter sicher auch in unserer Heimatstadt Winterthur, aber auch in Baden und Basel. Geplant sind 5 – 10 BICAR pro Stadt.

Der Praxistest musste vor allem aufgrund der Finanzierung verschoben werden. Immerhin ist das Projekt noch ein Start-Up. BICAR ist offen für Investoren und Freunde der Mobilität. Interessierte können auch in das Projekt investieren, in dem man einen Prototyp kauft.

Adrian Burri, wann und wo startet die Testphase?

Die Testphase erfolgt öffentlich. Genauere Details werden im Verlauf des kommenden Jahres bekannt gegeben. An der Testphase sind bereits weitere europäische Städte interessiert. Wir stehen in engem Kontakt mit interessierten Städten; darunter sind auch Amsterdam und Barcelona.

Wie geht es nach der Testphase weiter?

Nach der Pilotphase fliessen die Learnings in das Produkt ein. Danach wollen wir möglichst schnell in die Serienproduktion gehen. Sobald die Fahrzeuge gebaut sind, werden sie den Sharingpartnern direkt ausgeliefert. Zu den Zielkunden gehören auch Bewohner ländlicher Regionen und Agglomerationen. Durch den doch hohen Komfort und die sehr einfache Handhabung kann der BICAR die Lücke im Nahverkehr füllen und zeitlich effizient eingesetzt werden.

Wie funktioniert das Sharingkonzept?

Das Konzept besteht aus drei Teilen:

  1. Dem BICAR-Fahrzeug
  2. Einem App auf dem persönlichen Smartphone und
  3. Ladestationen/Battery-Swapping-Stationen

Man begibt sich zum BICAR-Fahrzeug, dockt sein Smartphone per NFC oder Kabel an – womit übrigens das Smartphone gleich auch noch geladen wird – und fährt los. Auf dem App des Smartphones wird alles Wichtige wie Navigation, Geschwindigkeit, Restreichweite, etc. angezeigt.

Sollte die Batterie einmal leer sein, zeigt das Fahrzeug automatisch die nächste Battery-Swapping-Station (Batterie-Wechselstation) an. Dort kann der Benutzer die Batterie innert 30 Sekunden selbst wechseln. Das Fahrzeug wird grundsätzlich über das Solardach geladen, was die Betriebskosten der BICAR senkt. Eine Studie in Madrid hat gezeigt, dass der BICAR in dieser Region sogar energieautark nur über das Solardach betrieben werden kann. In der Schweiz wird das im Winter aufgrund zu weniger Sonnenstunden nicht zu 100% funktionieren. Das können wir mit dem Battery-Swapping und mit Ladestationen (Plug-In) überbrücken.

Der BICAR setzt neue Massstäbe in der Mobilität, unter anderem weil das Fahrzeug weniger als 100 kg wiegt. Im Vergleich wiegt ein BMW C1 Kabinenroller 201 kg. Durch das geringere Gewicht erreichen wir eine sehr gute Energieausbeute.

Wie gross ist die Reichweite des Fahrzeugs?

Die Reichweite beträgt nach heutigem Stand 50 km. Da im Moment aber viel läuft in der Batterieentwicklung, kann sich die Reichweite durchaus noch erhöhen. Die Reichweite erachten wir jedoch nicht als kritisch. Im Nutzungsgebiet werden die meisten Fahrten in der Regel unter fünf Kilometer betragen. Wenn wir täglich mit neun Ausleihen rechnen, entspricht dies 45 km pro Tag, was mehr wäre, als erwartet.

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Mit welchen Herausforderungen müsst ihr noch rechnen?

Eine Problematik insbesondere in der Schweiz ist, dass für den BICAR ein Führerschein der Kategorie A1 (45 km/h) erforderlich ist. In Europa reicht der Autoführerschein, Kategorie B. Die grösste Herausforderung liegt jedoch in der Finanzierung. Im Moment läuft gerade eine Finanzierungsrunde, damit das Projekt trotz der vielen Freiwilligen weitergehen kann. Damit das Produkt auf den Markt kommen kann, brauchen wir aber auch Partner und natürlich die technische Marktreife. Für einen Erfolg suchen wir deshalb noch weitere Investoren, um unser Ziel der Markteinführung 2020 erreichen. Wir suchen auch Partner und Abnehmer als Sharingbetreiber.
 

#shareyourbicar


Wann und wo wird der BICAR 3.0 lanciert?

Der BICAR 3.0 wird am Genfer Autosalon gezeigt und lanciert. Mehr Infos dazu folgen noch.

Wie sieht das Abrechnungsmodel für Private und Firmen aus?

BICAR ist die Marke, resp. der Hersteller/Verkäufer des Produkts. Die Betreiber können Firmen, Städte oder auch Private sein. Trotzdem streben wir an, alles einheitlich und übergreifend zu präsentieren. Deshalb gibt es heute drei Modelle:

  • Sharing-Modell
  • Businessprovider-Modell
  • Privatmodell

Verkauft wird im Bundle, welches sich aus folgenden Komponenten zusammensetzt:

  • BICAR (Fahrzeug)
  • Software
  • Batteriewechselstation, d.h. ein Automat ähnlich wie Selecta ohne aufwändigem Sockel

Es handelt es sich also um ein Modell, bei welchem der ganze Hintergrund organisiert ist. Der Betreiber kann die Preise für die Vermietung selbst festlegen. Die Einnahmen fliessen zu 100 % an den Besitzer oder Betreiber der BICAR. Aber auch ein Sharingbetreiber wie Mobility kann die App zum Beispiel entweder einbinden oder ihre eigne Lösung im Fahrzeug verbauen. Genau darin liegt die grosse Chance. BICAR bietet eine Komplettlösung an. Somit ist es Jedermann möglich, ein Sharingbetreiber zu werden. Das tolle daran ist, dass das System offen betrieben werden kann. Das bedeutet, dass ich nicht von jedem Sharingbetreiber eine andere App brauche, sondern alle BICARS, welche vom Betreiber freigegeben sind, genutzt werden können.

BICAR ist also nicht Betreiber, sondern Hersteller und Lieferant des Fahrzeugs und demnach zuständig für den Verkauf und Service der Fahrzeuge. BICAR arbeitet für den Service mit BOSCH Car-Service zusammen.

Ein Privatnutzer erwirbt nur das Fahrzeug, kann aber auch die Software dazukaufen und so selbst auch zum Sharingbetreiber werden, beispielsweise in Sharoo. Weitere Einnahmequellen bieten sich mit Werbung in der App oder auch auf den Fahrzeugen. Ausserdem bieten die Nutzerdaten wertvolle Infos über die Mobilität, bzw. das Mobilitätsverhalten der Nutzer.

Was ist der Unterschied zwischen ENUU aus Biel und euch?

ENUU ist ein Sharing-Provider. BICAR ist ein OEM und verkauft Hard- und Software. Der BICAR ist ein Fahrzeug, welches in der Schweiz entwickelt wurde. ENUU arbeitet mit Fahrzeugherstellern aus China und entwickeln ihre Software in der Schweiz. Zudem kann BICAR bis zu 45 km/h fahren.

Darf man auch auf dem Trottoir oder Radwegen fahren?

Das ist von Land zu Land und manchmal auch von Stadt zu Stadt unterschiedlich.

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Darf jeder fahren oder braucht es einen Ausweis?

Wie gesagt: In der Schweiz wird der Führerschein der Kategorie A1 (45 km/h) verlangt. Europaweit braucht es den Autoführerschein (Kategorie B). Im Moment prüfen wir, ob wir mit der Identifikation via App die Höchstgeschwindigkeit elektronisch auf 20 km/h begrenzen, falls kein Führerschein vorhanden ist. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h ist drum kein Führerausweis notwendig.

Wie sieht das Ladekonzept aus?

Die Fahrzeuge sollen Dank der integrierten Solarzellen vor allem energieautark betrieben werden. Sollte das doch einmal nicht ausreichen, ergänzen die Battery-Swapping-Stationen oder Plug-in-Möglichkeiten das Ladekonzept.
 

BICAR , Website

e'mobile für energieeffiziente Mobilität , Website

«Aulo oder Veto» , Blogartikel zum Konzept ENUU

 

Fotos: BICAR & Gian Güler (e'mobile)

 

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