Formel E - Das Labor für den Antrieb der Zukunft

Anlässlich der Opacc Connect 2018 in Rothenburg haben wir mit Nico Müller, Formel-E Test- und Ersatzfahrer bei Audi, über die Digitalisierung sowie die Elektromobilität im Rennsport gesprochen.

Was fasziniert dich am Elektrorennwagen?Nico Müller_FormelE_Audi

Einerseits ist es das Fahrverhalten des Autos, was mich als Fahrer interessiert. Zudem ist das Drehmoment, welches ein Elektroauto zur Verfügung stellt, extrem. Das ist mit einem Verbrenner gar nicht zu vergleichen.

Beim Elektroauto gibt es viel mehr Spielraum, was die Einstellung des Antriebsstrangs angeht. Du kannst exakt einstellen, wie sich der Antriebsstrang bei der Beschleunigung oder beim Bremsen verhalten soll – so hast du unendlich viele Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten machen den Elektroantrieb des Rennautos so extrem schnell.

Auf Saisonbeginn im Dezember gibt es neue Formel-E Wagen. Welche Änderungen gibt es im Vergleich zum letzten Jahr?

Das neue Auto ist ein sogenanntes «Saison 5» Auto, die Formel-E geht nämlich in die fünfte Saison. Von aussen sehen sie alle gleich aus, aber jeder Hersteller kann unter der Haube, wenn man dem noch Haube sagen kann, den eigenen Antriebsstrang entwickeln. Das neue Auto von Audi hat einen grossen Schritt gemacht: Von 200 kW im Qualifying, machte man den Schritt auf 250 kW. Das sind ungefähr 340 PS.

Mit dieser neuen Leistung ist es jetzt auch möglich, die komplette Renndistanz zu fahren und dazu erst noch mit mehr Leistung. Hier hat der eine oder andere bestimmt schon geschmunzelt, denn während der Halbzeit der Rennen, mussten die Fahrer jeweils das Auto wechseln. Grund war bis anhin die zu geringe Ladekapazität. Mit dem «Saison 5» Auto ist das kein Problem mehr.

Nico_Müller_Formel_E_Wagen_Audi_Bildquelle_NetzmedienIm Qualifying stehen jetzt 200 kW statt 180 kW Leistung zur Verfügung. Der Wagen ist aerodynamisch effizienter, «brake-by-wire» ist ein Thema. In der Formel-E bremst man schon lange nicht mehr mechanisch. Der Bremsvorgang ist elektronisch geregelt. Die Bremsbalance wird automatisch eingestellt. Für uns Fahrer ist das eine grosse Hilfe. Überhaupt wurde in jedem Bereich ein grosser Schritt nach vorne gemacht. Ich bin überzeugt, dass das Racing so in Zukunft noch spannender wird.  

Gibt es auch «bluescreens» im Auto? ...und was machst du dann?

Die Pedale und den Hebel müssen wir schon noch bedienen. Gleichzeitig müssen wir neben dem Fahren aber noch an viele andere Dinge denken. In der Formel-E geht es darum, möglichst effizient schnell zu fahren. Das heisst im Klartext: Wir müssen mit der zur Verfügung stehenden Batterieladung die Renndistanz möglichst schnell überwinden. Dabei dürfen aber der Antriebsstrang und die Batterie nicht überhitzen.

Das lässt sich mit dem Laden eines Handys vergleichen: Lädt man das Handy und drückt gleichzeitig darauf rum, wird es warm. Das Gleiche passiert beim Auto: Wenn du fährst und Energie durchs Bremsen zurückgewinnst, wird die Batterie auch warm. Hier spielen also viele Faktoren mit, die zusätzlich zum klassischen Rennfahren dazukommen. Ein bisschen Hirnkapazität musst du also, neben dem Fahren, noch für das eine oder andere bereithalten.

Steuert in Zukunft die Software das Auto oder Du?

Mittlerweile kann man von einer Arbeitsteilung sprechen. Es ist eine tolle Unterstützung, ohne die es auch gar nicht möglich wäre, das Auto zu bewegen. In der Formel 1 denkt man immer, Ferrari oder Mercedes haben die schnellsten Wagen, weil sie die besten Motoren bauen oder die beste Aerodynamik haben. In der Formel-E gewinnt das Auto, welches die besten Leute hinter dem Laptop hat. Die Software macht zum Ende den Unterschied.

Das heisst also die Software, die dir beim Fahren die beste Unterstützung liefert, respektive dir hilft abzuschätzen, wann du Energie sparen oder gewinnen kannst. Das sind Software-Themen, die uns entweder siegen oder verlieren lassen. Wenn ich nun plötzlich selbst entscheiden müsste, wann ich Gas gebe oder wann ich das Auto rollen lasse, um Energie zurückzugewinnen, sind das alles bloss Schüsse ins Blaue. Zum Glück haben wir viele schlaue Mitarbeiter in der Box, die uns das Leben mit guten Programmen einfacher machen.

Was ist deine persönliche Motivation, e-Rennen zu fahren?

Momentan fahre ich keine Rennen, ich bin ja «nur» Entwicklungs-, Test- und Ersatzfahrer bei Audi. Aber grundsätzlich fasziniert mich die Technologie dahinter. Wie gesagt, da gibt es kaum vorstellbaren Freiraum in der Antriebsentwicklung. Ganz im Gegensatz zu den Verbrennungsmotoren.

Dank Softwaretechnologie hat man so viele Möglichkeiten, das Fahrverhalten des Autos zu beeinflussen. Der Horizont lässt sich dadurch extrem erweitern. Für den Fahrer ist das sehr interessant, wenn du plötzlich Wünsche äussern kannst, von denen du vorher gar nicht zu träumen gewagt hast. Das macht es so spannend.

Werdet ihr Formel-E Fahrer von den anderen Rennfahrern belächelt?

Ich glaube ganz und gar nicht. Die Formel-E hat sich in kurzer Zeit stark etabliert, nicht zuletzt wegen dem hohen Niveau des Fahrerfeldes und den Teams, die hoch professionell sind. Die Hersteller prügeln sich fast schon darum, einen Startplatz für ihr Team zu bekommen. Viele Fahrer machen auch beides. Sie kommen aus dem klassischen Rennsport, Formel 1, DTM und fahren daneben Rennen für die Formel-E. Da wird niemand belächelt, die geniessen eher eine Menge Respekt.

«Wir sind sozusagen das Labor für den Antrieb der Zukunft.»


Findest du in der Bevölkerung viel Zustimmung oder bist du eher mit Kritik konfrontiert?

Der klassische Rennsport-Fan mit älterem Jahrgang kann vielleicht weniger mit der Formel-E anfangen. Aber das ist auch okay so. Die Formel-E öffnet neue Türen und spricht ein anderes Publikum an. Man geht in die Stadt und ist unter den Fans. Das findet vielleicht nicht jeder klassische Rennsport-Fan cool. Ich denke aber schon, dass bei einem gestandenen Rennsport-Fan die Formel-E immer mehr Anerkennung geniesst – der gebotene Sport ist einfach gut.

Musst du dich zu Themen Batterie und den entstehenden Umweltbelastungen rechtfertigen?

Nein. Wir treiben die Effizienz des Elektroantriebes oder die Entwicklung der Effizienz des Elektroantriebes voran. Und das ist gut für die Umwelt. Wir sind sozusagen das Labor für den Antrieb der Zukunft und daran sehe ich nichts Negatives.

Hattet ihr schon mal brenzlige bzw. gefährliche Situationen mit Batterien?

Nein, noch nie.

Weisst du was mit euren ausrangierten Batterien geschieht?

Ehrlich gesagt nein. Ich weiss, dass es eine Einheitsbatterie ist und die muss eine gewisse Lebensdauer haben. Der Hersteller schreibt vor, wie sie zu behandeln ist, sodass sie nicht beschädigt wird und so lange wie möglich genutzt werden kann. Da wird schon auf die Nachhaltigkeit geachtet und nicht etwas vorgespielt, was hinter den Kulissen ganz anders aussieht. Bisher habe ich auch keine Negativbeispiele erlebt.

Was sind die Wünsche oder Verbesserungsvorschläge für dein Elektroauto?

Wir wollen immer noch mehr Leistung (lacht). Wir sind ja Autorennfahrer und möchten immer noch schneller unterwegs sein. Wenn man also noch mehr Leistung über einen noch längeren Zeitraum aus einer Batterie holen kann, wäre das natürlich toll. Ich glaube, die Batterietechnologie im Allgemeinen wird in der nahen Zukunft ein noch grösseres Thema sein. Sei es nun für die Formel-E, aber auch v.a. für den Alltag. Wenn wir noch effizientere und noch leistungsfähigere Batterien haben, wird die Umstellung von Verbrennungs- auf Elektroautos auch stattfinden. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit.

«Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit für Elektromobilität.»


Fährst du privat auch elektrisch?

Nein.

Was hält dich bisher davon ab?

Ich habe das Gefühl, dass die Umstellung sehr bald und auch sehr weitläufig kommen wird. Plötzlich werden wir einen hohen Anteil an Elektroautos haben. Das macht für viele Anwendungen des Autogebrauchs auch Sinn. Momentan bin ich aber viel auf Langstrecken unterwegs: ich fahre nach Deutschland, Holland und sonst wohin. Wenn du in möglichst kurzer Zeit 700 – 800 Kilometer fahren musst, ist der Elektroantrieb heute noch nicht so weit. Insofern macht es für mich keinen Sinn. Aber der Wechsel zeichnet sich ab, darauf kann man sich schon mal einstellen.

Ist Elektromobilität die Lösung für die Zukunft? Wo entwickelt sich euer Rennsport hin? Gibt es schon Alternativen?

Im Moment gibt es nach wie vor beide Schienen. Es gibt immer noch die klassischen Verbrennungsmotoren im Rennsport wie in der DTM, in der Formel 1. Ich glaube, es gibt Platz für alles. Es wird sicher auch bei uns auf der Strasse sehr lange Platz für diese beiden Schienen geben. Wir müssen unser Augenmerk darauf legen, dass wir so clean und so effizient wie möglich unterwegs sind. Meiner Meinung nach schliesst das eine das andere nicht aus.

Bist du nächstes Jahr an der Formel-E in Bern dabei?

Ich weiss noch nicht, ob ich fahre, aber vor Ort werde ich sicher sein.

 

Weitere Informationen

e-mobile.ch,  Energieeffiziente Mobilität (Web)

«Anschluss finden», Elektromobilität und Infrastruktur (Infobroschüre, PDF-Download)

 

Bildquelle Auto: Netzmedien

 

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