Abnahmekontrolle elektrischer Kabelanlagen mit Funktionserhalt

In unserer modernen Welt werden die Anforderungen bezüglich Gebäudesicherheit immer höher und anspruchsvoller. Mit der Brandschutznorm 15 wurden die Ansprüche im Brandschutz in der Schweiz erhöht. Auch die Zuständigkeiten werden genauer geregelt.

Die Anforderungen an den Brandschutz werden bei der Eingabe der Baubewilligung von der Gebäudeversicherung definiert und in der Baubewilligung festgehalten. Je nach Komplexität wird das Gebäude nach der VKF Richtlinie 11 - 15 «Qualitätssicherung im Brandschutz» in vier verschiedene Qualitätssicherungsstufen eingeteilt. Die Stufe gibt Auskunft darüber, wie gross das Gebäude und wie hoch das entsprechende Brandrisiko ist. Egal in welche QSS-Stufe das Gebäude eingeteilt wird, es muss seit der Brandschutznorm 15 immer ein QS-Verantwortlicher Brandschutz eingesetzt werden. Dieser benötigt je nach QSS-Stufe entsprechende Kenntnisse über die Brandschutznorm. Der QS-Verantwortliche Brandschutz erstellt die Brandschutzpläne und verantwortet die projektspezifische Umsetzung der Brandschutzvorschriften.

Technischer Brandschutz

Ein Gebäude besteht aus zwei Brandschutz-Komponenten: dem baulichen und dem technischen Brandschutz. Unser Fokus liegt auf dem technischen Brandschutz, genauer gesagt den elektrischen Anlagen. Die Anlagen können sein:

  • eine Sicherheitsbeleuchtungsanlage
  • eine elektroakustische Warnanlage
  • mechanische Entrauchungsanlage
  • eine Sprinkleranlage
  • eine Brandmeldeanlage
  • Rauch oder Wärmeabzugsanlagen
  • Stromversorgung für Sicherheit usw.

Wie schon erwähnt, sind die Anforderungen, ob eine solche Anlage erstellt werden muss und wie lange sie in einem Ereignisfall funktionieren muss, in der Baubewilligung festgehalten. Der QSS-Verantwortliche muss in der Lage sein, darüber Auskunft zu geben, da er diese Anlagen ja auch plant. Die Ausführung unterliegt dem Elektroinstallateur in Zusammenarbeit mit dem QSS-Verantwortlichen.

csm-systemuebersicht-einzelverlegeart-f799d62faa

Erstellung elektrotechnischer Anlagen

Der Elektroinstallateur, erhält die Pläne und Informationen, welche Funktionserhaltklasse eingehalten werden muss. Dabei unterschiedet man zwischen E30 - E120. Die Zahl, die hinter dem «E» steht indiziert, wie viele Minuten die Anlage in einem Brandfall weiterfunktionieren muss, um eine sichere Evakuierung zu gewährleisten. Die Gefahr für die Personen die evakuiert werden, muss so gering wie möglich gehalten werden. Um diese Anforderungen gewährleisten zu können, sind spezielle Materialien notwendig. Diese werden so konstruiert und produziert, um einem Brand standhalten zu können. Diese Materialien werden von einer unabhängigen Materialprüfstelle geprüft. Dafür gibt es ein entsprechendes Prüfzertifikat. In diesem sind die Anforderungen und maximalen Belastungen an die Systeme beschrieben. Dazu gehören die Art, wie das Tragsystem befestigt werden darf (Wand- oder Decken-montage), die maximal erlaubten Abstände zwischen den Befestigungen, die maximale Gewichtsbelastung des Tragsystems, welche Kabel dazu verwendet werden dürfen sowie die Angabe, ob eine gemischte Verlegung mit Kabeln ohne Anspruch an den Funktionserhalt erlaubt ist. Je nach Grösse und Hersteller, können diese Angaben extrem variieren. Das Zertifikat enthält auch Informationen darüber, mit welchen Befestigungssystemen die Kabeltragsysteme befestigt werden müssen. Kunststoffdübel dürfen beispielsweise nicht verwendet werden, da diese keinen Feuerwiderstand aufweisen. Nach Beendigung der Installationen, füllt der Installateur die notwendigen Unterlagen aus und erstellt eine Übereinstimmungserklärung für Brandschutz. Dies ist eine Bestätigung, mit der der Installateur bekräftigt, dass die Installationen gemäss der Planung und den allgemeinen bauaufsichtlichen Prüfzeugnissen installiert wurden.

bsp-zugsentlastungsbox

Abnahmekontrolle

Nach der Abnahmekontrolle bestätigt der Elektrofachmann die Konformität mit den anerkannten Regeln der Technik mit seiner Unterschrift auf dem Sicherheitsnachweis. Diese umfassen weit mehr Normen, als nur die altbekannte NIN. Die Brandschutznorm sowie die weiteren gültigen anlagespezifischen Normen sind in diesen Fällen zwingend zu beachten. Das unabhängige Kontrollorgan darf alle notwendigen Dokumente zur Beurteilung einfordern, die es benötigt, um die Normenkonformität zu gewährleisten. Bei einer Sicherheitsbeleuchtungsanlage können so beispielsweise auch die Messungen der Lichtstärke verlangt werden, um diese zu überprüfen. Während der Kontrolle durch das unabhängige Kontrollorgan sollten die Installationen stichprobenartig auf deren Funktionstüchtigkeit und Funktionserhalt geprüft werden.

Das Kabeltragsystem muss zwingend in höchster Lage montiert werden. Wenn sich weitere Installationen über dem Kabeltragsystem befinden, müssten diese dieselben oder höhere Anforderungen an den Brandschutz erfüllen. Ein Beispiel: Ein Kabeltragsystem E60 darf nur unter einer Installation montiert werden, welche einen Funktionserhalt von E60 oder höher aufweist. Die Kabel, die in den Kabeltrasseen verlegt werden, müssen mit dem Kabeltragsystem geprüft werden. Wenn das Kabel von einem Tragsystem in ein anderes verlegt werden muss, darf der maximale freifliegende Teil 60 cm betragen, da das Kabel sonst durch das Eigengewicht knicken kann und so seine Funktion verliert. Wird das Kabel vertikal verlegt, ist auf eine geeignete Befestigung zu achten. Kabelbinder usw. erfüllen die Anforderungen an den Brandschutz nicht. Sie sind daher für die Befestigung ungeeignet. Wenn die Raumhöhe über 3,5 m liegt, muss das Kabel aufgrund seines Eigengewichts gesichert werden, dies, falls sich die Befestigungen im Brandfall lösen. Dafür gibt es Zugentlastungsboxen. Diese schützen eine Befestigung vor Brandeinwirkung. Bei den Verbindungsstellen, wie z.B. einer Abzweigdose, ist darauf zu achten, dass der Klemmsteig mit den Porzellanklemmen direkt befestigt wird. Nur so kann eine sichere Verbindung gewährleistet werden. Die Dosen dürfen nur eine Öffnung haben, dort, wo ein Kabel auch eingebaut wird. Die übrigen Löcher sind zu verschliessen.

300px-mischbelegung-auf-einer-funktionserhalt-kabelrinne

Weder richtig noch falsch

Es gibt noch viele weitere Punkte, die beachtet werden müssen. Dabei gibt es jedoch auch hier kein «richtig und falsch». Es darf Normenabweichungen geben, solange das Schutzziel erreicht wird. Jede Lösung oder Abweichung von normalen Installationsparametern sind mit dem Brandschutzplaner oder mit den Brandschutzbehörden zu besprechen. Bei der Abnahme durch die Brandschutzbehörden wird die Dokumentation auf Vollständigkeit überprüft. Es können Stichproben durchgeführt werden. Die Brandschutzbehörden können je nach Grösse der Anlage nicht die gesamte Installation bis ins letzte Detail kontrollieren. Deshalb sind sie auf die kompetente Ausführung mit Schluss- und Abnahmekontrolle angewiesen. Die Behörden befürworten eine detailliere Kontrolle durch Elektrofachleute, da nicht alle Personen einer Brandschutzbehörde das notwendige Fachwissen ausweisen können. Brandschutz hat ja nicht nur mit elektrischen Anlagen zu tun.

Brandschutz ist im Elektrobereich ein grosses Thema und diesem wurde in den letzten Jahren zu wenig Beachtung geschenkt. Es ist wichtig, dass die Anlagen funktionieren und so den Menschen im Ereignisfall helfen, dieses unbeschadet zu überstehen.


Funktionserhalt im Fluchtweg, Anforderung gemäss VKF (Artikel, bulletin.ch - PDF in französisch und italienisch)

Vorschriften für Brandschutz, Technische Entwicklungen erfordern neues Vorgehen (Artikel, bulletin.ch)

Sicher und organisiert arbeiten (Electrosuisse, Web)

Erste-Hilfe Tafeln und Hinweise (Electrosuisse, Shop)

Elektrische Installationen und Apparate, Hans Rudolf Ris (gekürzter Auszug)

Handbuch Funktionserhalt (Dätwyler Cables, PDF)

Normung und Recht – der rechtliche Status von Normen (Electrosuisse, PDF)

NIN 2020 – Produktübersicht und Bestellinformationen (Electrosuisse, PDF)

Brandschutzvorschriften (Übersicht, Web)

Der elektrische Unfall (Blog)

Richtiger Umgang mit Lithium-Ionen-Akkus (Blog)

 

Veranstaltungshinweise

 

Quelle: Remigius Sauter, Electrosuisse
Bilder: VKF, OBO Bettermann


 

Kommentare zum Beitrag

Stefan Maurer vor 4 Monaten

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag.

Einen Kommentar schreiben


Weitere Beiträge