Der lange Weg der Energiewende

Zwei Drittel des Stroms der vier grössten Schweizer Energieversorger stammen aus fossilen und nuklearen Energiequellen. Demzufolge decken die grossen Stromproduzenten lediglich ein Drittel der elektrischen Energie durch erneuerbare Energien ab. Dies zeigt die Kurzstudie der Schweizerischen Energie-Stiftung SES auf, die den Strommix 2018 der vier grössten Schweizer Energieversorger Axpo, Alpiq, BKW und Repower analysierte. Die neuen erneuerbaren Energien Sonnen- und Windstrom fristen mit ihrem 5 %-Anteil nach wie vor ein Nischendasein. 

Es wurden die CO2-Emissionen, Umweltbelastung sowie die Menge an radioaktivem Abfall aller Kraftwerke im In- und Ausland untersucht. Insgesamt fielen über 66,4 % der Stromproduktion in fossilen oder nuklearen Kraftwerken an. Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen insbesondere die Erdgasstromproduktion stark anstieg, ging der Anteil CO2-emittierender Stromproduktion im letzten Jahr leicht zurück. Die Stromproduktion durch neue erneuerbare Energien nahm leicht zu, verbleibt jedoch auf sehr tiefem Niveau. Im Vergleich zum durchschnittlichen Schweizer Strommix weisen die vier grössten Schweizer Stromversorger einen überdurchschnittlichen Anteil an fossilen und nuklearen Kraftwerken mit entsprechend höherer Umweltbelastung auf.

Produktionsmix

Axpo, Alpiq und BKW produzieren ihren Strom nach wie vor vorwiegend mit nuklearen und fossilen Kraftwerken. Die Wasserkraft sowie die neuen erneuerbaren Energien wie Kleinwasserkraft, Biomasse, Photovoltaik und Wind spielen eine untergeordnete Rolle und erreichen einen durchschnittlichen Anteil von einem Drittel. Repower schneidet im Vergleich mit einem knapp 60 % erneuerbarem Strom deutlich besser ab als ihre Kontrahenten. 

strommix_2018_Anteil

Der Produktionsmix der vier grossen Schweizer Stromversorger ist im Schnitt somit deutlich schmutziger als der Landesmix. Im vergangenen Jahr haben die vier Energieversorger etwas weniger als die Hälfte (44,5 %) oder 29'031 GWh ihres Stroms mit Atomkraft produziert. An zweiter Stelle steht die Stromproduktion aus Wasserkraft (28,6 %), gefolgt von elektrischer Energie aus ausländischen Gas- oder Kohlekraftwerken mit 21,9 %. Trotz konstantem Zuwachs spielen die neuen erneuerbaren Energien bei den Stromversorgern mit 5 % nach wie vor nur eine marginale Rolle. Der grösste Anteil hiervon stammt aus der Windkraftproduktion, welche einen Anteil von 4,1 % oder 2'696 GWh ausmacht. Dies entspricht in etwa der gleichen Menge Strom, die Alpiq und BKW aus Kohlekraftwerken erzeugen (1'940 GWh).

Interpretation der Resultate

Die Resultate zeigen: Die vier grossen Stromversorger Axpo, Alpiq, BKW und Repower weisen mit ihrem Kraftwerkspark einen stärker fossil und nuklear geprägten Produktionsmix auf als der Durchschnitt des Schweizer Kraftwerkparks. 2018 setzte sich die Schweizer Stromproduktion gemäss Elektrizitätsstatistik aus

  • 36,1 % Atomkraftwerken,
  • 30,4 % Speicherkraftwerken,
  • 25 % Laufwasserkraftwerken,
  • 4 % diversen erneuerbaren Kraftwerken,
  • 2,8 % konventionell-thermischen nicht erneuerbaren Kraftwerken und
  • 1,7 % konventionell-thermisch erneuerbaren Kraftwerken

zusammen. Verglichen mit dem inländischen Produktionsmix bedeutet dies eine höhere Umwelt- und Klimabelastung durch den Kraftwerkspark der vier Energieversorger.

Im Gegensatz zu den Vorjahren gab es bei der Produktion durch fossile Kraftwerke 2018 einen leichten Rückgang. Eine Ursache ist der stark angestiegene CO2-Preis. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Preise für Emissionszertifikate 2018 um 170 %. Ebenso stiegen die Kosten für Kohle und Gas, namentlich um 30 % respektive 15 % (in Euro, Agora 2019).

strommix_2018_Alle_4_Jahre

Die Produktion durch neue erneuerbare Kraftwerke nahm auch 2018 mit 15,4 % signifikant zu, verbleibt aber mit 3’252 GWh (5 %) auf sehr tiefem Niveau. Dies ist vornehmlich auf Investitionen in neue erneuerbare Energien im Ausland zurückzuführen – in der Schweiz nahmen solche nur geringfügig zu. Die totale Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist ebenfalls gestiegen, was auf die bessere Performance der Wasserkraftwerke zurückzuführen ist.

Schliesslich stieg der Anteil an nuklearer Stromproduktion. Einerseits ging im März 2018 das AKW Beznau I nach dreijährigem Stillstand wieder ans Netz. Andererseits hat das AKW Leibstadt erstmals wieder das ganze Jahr über konstant produziert, womit das Produktionsvolumen um 40 % gesteigert wurde, jedoch blieb die Leistung der Anlage noch auf 91 % durchschnittlich beschränkt. Wegen der erhöhten Wassertemperaturen der Aare lief das AKW Beznau im Sommer vorübergehend mit reduzierter Leistung. Aus demselben Grund drosselte das AKW Mühleberg seine Leistung.

Ausblick

Im Bereich der nuklearen Stromprodukte wird es ab 2019 eine Reduktion geben, denn die BKW wird das AKW Mühleberg Ende 2019 stilllegen. Ansonsten sind im nuklearen Bereich keine Veränderungen absehbar. Aufgrund der mangelnden Rentabilität der Werke und der hohen Unsicherheiten bezüglich der Entwicklung der Stilllegungs- und Entsorgungskosten besteht auf dem Markt keine Nachfrage und mit der Veräusserung von Anteilen ist nicht zu rechnen. Gleichzeitig lehnen sämtliche AKW-Betreiber Investitionen in neue AKW entschieden ab. Was die weiteren vier Reaktoren angeht, so sind die AKW Beznau und Gösgen bereits im Langzeitbetrieb (ab 40 Jahren Betriebsdauer, gemäss Kernenergieverordnung). Leibstadt wird in 5 Jahren ebenfalls soweit sein.

Der Ausbau der neuen erneuerbaren Energien wird vorangetrieben. Repower hat seinen Ausstieg aus fossilen und nuklearen Energien angekündigt und wird gemäss Strategie ausschliesslich in Erneuerbare investieren. Auch die BKW investiert seit 2013 ausschliesslich in erneuerbare Energien. Im Juli 2019 kündigte der Energieversorger an, dass bis 2023 75 % der installierten Leistung des BKW-Produktionsparks erneuerbar sein sollen. Auch die Axpo betont, das Wachstumspotential der neuen Energien nutzen zu wollen, genauso die Alpiq. Der Ausbau der Erneuerbaren geschieht jedoch vornehmlich im Ausland und kaum im Inland. Die Energiestrategie 2050 sieht einen verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien im Inland vor. Die jetzigen Instrumente sind jedoch nicht ausreichend, um die definierten Ziele bis 2035 zur erreichen. Investitionen in neue Kraftwerke im Inland lohnen sich nach wie vor nicht, weshalb ein inländischer Ausbau im benötigten Ausmasse nicht zu erwarten ist, solange die regulatorischen Rahmenbedingungen sich nicht ändern. Grund liegt in den tiefen Erlösen am Strommarkt, mit denen sich neue Anlagen nicht refinanzieren lassen. Die aktuelle Revision des Stromversorgungsgesetzes kann Rahmenbedingungen entsprechend setzen. Bundesrat, Parlament sowie Kantone und Gemeinden sind gefordert, weitere Verbesserungen umzusetzen.

Im Gegensatz dazu treiben die Schweizer Stromversorger ihren Ausbau erneuerbaren Energien im Ausland voran, da dort bessere Rahmenbedingungen für Investoren herrschen. Eine Untersuchung von Energie Zukunft Schweiz zeigt auf, dass Schweizer Energieversorger und Investoren in ausländische, erneuerbare Kraftwerke mit einer Jahresproduktion von 8,3 TWh investiert haben (Stand: März 2018). Das Volumen ist somit mehr als doppelt so gross, wie die aus dem Netzzuschlag mitfinanzierte Neuproduktionen von inländischen erneuerbaren Anlagen.

Ob demgegenüber auch ein Ausstieg aus den fossilen und nuklearen Kraftwerken im Ausland erfolgen wird, unterliegt jedoch alleine bei den betriebswirtschaftlichen Überlegungen der Energieversorger sowie den Rahmenbedingungen in den entsprechenden Ländern. Einzig Repower hat seinen Ausstieg aus den fossilen und nuklearen Energien angekündigt. Alpiq hat zudem im Bereich Kohle devestiert und seine beiden Kohlekraftwerke Kladno und Zlín in Tschechien im Mai 2019 verkauft, verfügt jedoch nach wie vor über Gaskraftwerke. Die Entwicklung der CO2-Preise wird einen entscheidenden Einfluss auf die Rentabilität der fossilen Kraftwerke haben. 2019 tritt der Market Stability Reserve (MSR) in Kraft mit dem Ziel, die überflüssigen Zertifikate zu reduzieren, da momentan noch immer ein Überangebot an Kohlestoffzertifikaten herrscht. Ein Erfolg des MSR ist nötig, damit der EU-ETS funktioniert und Kostenwahrheit abbilden kann.

Da die vier untersuchten Stromversorgungsunternehmen grossmehrheitlich der öffentlichen Hand gehören, sollten sie die von der Bevölkerung beschlossenen Ziele der Energiestrategie 2050 im In- und Ausland vertreten. Die Eignerkantone könnten bei der Umstellung auf erneuerbare Energien eine gewichtigere Rolle spielen, als sie dies bislang tun. Um aber insgesamt die Energiewende zu beschleunigen, muss die Politik einerseits für Kostenwahrheit mittels höheren CO2- Preisen sorgen und andererseits den Strommarkt so umgestalten, dass die kostendeckende Produktion neuer erneuerbaren Energien sicherstellt ist.

 

Methodik 
Gegenstand der Untersuchung ist die Stromproduktion der vier grössten Schweizer Stromproduzenten Axpo, Alpiq, BKW und Repower. Die Daten sind in erster Linie den aktuellen Geschäftsberichten und Faktenblättern der jeweiligen Stromproduzenten entnommen. Bei fehlenden oder unklaren Angaben wurde Rücksprache mit den Unternehmen getroffen. Es wurde jeweils die gesamte Stromproduktion 2018, das heisst sowohl die Kraftwerke im In- wie auch im Ausland, berücksichtigt.

 

Veranstaltungshinweise

 

«Strommix 2018», Umweltbelastung aus der Stromproduktion der vier grössten Schweizer Stromversorger 2018, Kurzstudie | Simon Banholzer, Tonja Iten

Aufwind für die Schweiz? (Blog)

«Grünes Gas» aus Bioreaktor (Blog)

Globales Energiesystem mit 100% erneuerbarer Energie (Blog)

Die Schweiz soll klimafreundlichstes Land Europas werden (Blog)

Digitale Platt­formen für die urbane Energie­wende, Bündelung und Auswertung von Informationen (Artikel, bulletin.ch)

Ist das Netz der Zukunft dezentral optimiert? Power Alliance (Fachartikel, bulletin.ch)

 

 

Quelle: Kurzstudie «Strommix 2018», Schweizerische Energiestiftung
Foto: Maryam62 auf Pixabay 

 

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