Die Zukunft der Arbeit

Digitale oder automatisierte Technologien sowie künstliche Intelligenz (KI) übernehmen immer mehr Aufgaben und mischen damit die Arbeitsmärkte auf. Diese Entwicklungen gehören zu den wichtigsten Treibern des sozioökonomischen Wandels. 

Gemäss der Studie «The future of Work: Switzerland's digital opportunity» von McKinsey besteht weitverbreitet die Befürchtung, dass die Automatisierung von Arbeitsvorgängen etliche Jobs wegrationalisiert und das Stellenangebot dadurch empfindlich schmälert. Gemäss dieser Studie wird es deutliche Verschiebungen in der Nachfrage bestimmter Qualifikationen geben, wovon einige sehr gefragt und andere klare Einbussen erleiden werden. Es entstehen auch neue Arbeitsbeziehungen. 

mckinsey-future-of-work-grafik

Mittlerweile ist klar, dass die digitalen Technologien den Arbeitsmarkt wandeln werden. Heute wird vorerst diskutiert, inwieweit Produkte und Dienstleistungen davon betroffen sein werden, wie diese Technologien in Unternehmen genutzt werden sollten, um den Marktauftritt zu optimieren und was getan werden muss, um sicherzustellen, dass die einzelnen Arbeitnehmenden auch über diejenigen Fähigkeiten verfügen, die sie benötigen. Die Studie von McKinsey Schweiz zeigt  Perspektiven, Trends und deren Auswirkungen für Schweizer Arbeitnehmende auf. Der Bericht wurde in enger Zusammenarbeit mit dem McKinsey Global Institute (MGI), dem Forschungszweig für Wirtschaft und Ökonomie von McKinsey erstellt. Eine Reihe von globalen MGI-Berichten lieferten dazu die Grundlagen: 

  • eine Zukunft, die funktioniert: Automatisierung, Beschäftigung und Produktivität, Januar 2017, 
  • verlorene und gewonnene Arbeitsplätze: Personalübergänge in einer Zeit der Automatisierung, Dezember 2017,
  • Hinweise von der KI-Grenze: Erkenntnisse aus Hunderten von Anwendungsfällen, April 2018,
  • Kompetenzverschiebung: Automatisierung und die Zukunft der Belegschaft, Mai 2018 und
  • Notizen von der KI-Grenze: Modellierung des Einflusses von KI auf die Weltwirtschaft, September 2018.

Mit Hilfe der MGI-Methodik versuchten die Studienersteller, eine quantitative Schätzung der Veränderungen bezüglich Jobs und Fähigkeiten bis 2030 für die Schweiz abzugeben.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen – nämlich, dass die Schweiz seine Wirtschaft digitalisieren muss, und dass es eine entsprechende, signifikante Verschiebung in der Beschäftigung und der Fähigkeitsanforderungen geben wird – sind nicht überraschend.

Sie folgen ähnlichen Erkenntnissen, wie sie aus dem unabhängigen Think tank von Avenir Suisse und dem Schweizerischen Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) erarbeitet wurden.* 

Eine Einschätzung: In unserem Midpoint-Szenario erwarten wir eine Automatisierung von 20 bis 25 % aller Aktivitäten bis 2030 und eine Rate der Arbeitsplatzverlagerung, die doppelt so hoch sein könnte wie jene in der Vergangenheit. Wir stellen auch fest, dass die Digitalisierung einen positiven Gesamteffekt auf die Gesamtzahl neuer Arbeitsplätze haben und eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in der Schweizer Exportwirtschaft haben könnte. Dennoch stehen die Schweizer Unternehmer noch vor der Herausforderung der Umsetzung, um dank Digitalisierung zu globalen Marktführern zu werden. 

* T. Adler and M. Salvi, Wenn die Roboter kommen – Den Arbeitsmarkt für die Digitalisierung vorbereiten (When the robots come – Preparing the work market for digitization), Avenir Suisse, October 2017; and Auswirkungen der Digitalisierung auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Chancen und Risiken (Effects of digitization on employment and working conditions – opportunities and risks), Schweizerische Eidgenossenschaft, Der Bundesrat, November 2017

mckinsey-future-of-work-grafik-competitiveness


Zusammenfassung

Digitale Technologien befinden sich unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Die Automatisierung verbreitet sich und die Fortschritte im Bereich künstliche Intelligenz (KI) treiben den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft zusätzlich voran. Für viele Unternehmer ist heute prioritär, wie sie diese Technologien optimal einsetzen können und wie ihnen die Herausforderung gelingt, Expertise und Fertigkeiten ihrer Mitarbeitenden so zu entwickeln, dass sie optimal auf die neue Arbeitswelt vorbereitet sind.

Die vorliegende Studie baut auf der langjährigen Forschung des McKinsey Global Institute (MGI) auf. Sie befasst sich mit der Digitalisierung in all ihren Formen – digitale Technologien, Automatisierung und KI – und mit der Zukunft der Arbeit in der Schweiz bis zum Jahr 2030. Im Zentrum stehen die folgenden Erkenntnisse:

  • Die Schweiz steht heute vor der doppelten Herausforderung: einer alternden Bevölkerung und eines vergleichsweise geringen Produktivitätswachstums (nahezu null seit der Finanzkrise). Digitalisierung, Automatisierung und KI gemeinsam können in hochentwickelten Volkswirtschaften wie der Schweiz bis 2030 für einen dringend benötigten Produktivitätsschub von etwa 1 Prozentpunkt pro Jahr sorgen.
     
  • Die Automatisierung wird die Arbeitsmärkte fundamental umwälzen und die einer Beschäftigung zugrundeliegenden Tätigkeiten stark verändern. Nach der Berechnung wird diese Entwicklung zur Schaffung von ungefähr ebenso vielen neuen Arbeitsplätzen führen wie verdrängt werden. Mehr als die Hälfte aller Tätigkeiten lassen sich durch die Übernahme und Anpassung vorhandener Technologien schon heute automatisieren. Typische Szenarien, in welchem Zeitraum Technologien in der Regel adaptiert werden, legen nahe, dass bis 2030 etwa die Hälfte des vorhandenen Automatisierungspotenzials auch realisiert werden könnte. Demnach würden bis 2030 rund ein Fünftel bis ein Viertel der Arbeitsaktivitäte in der Schweiz – das entspricht 1,0 bis 1,2 Millionen Arbeitsplätzen – durch Automatisierung ersetzt werden.

    Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ist ein Merkmal moderner Arbeitsmärkte, aber das Tempo, in dem sich dieser Wandel vollzieht, könnte sich verdoppeln. Dabei muss es nicht zu einem Nettoabbau von Arbeitsplätzen kommen, da ebenso viele neue Jobs entstehen könnten: etwa 400’000 Arbeitsplätze direkt in Technologiebereichen (Hardware/Software) oder deren Implementierung durch Unternehmen; weitere 400’000 Arbeitsplätze durch reales Einkommenswachstum, das den Konsum ankurbelt und die Nachfrage nach inländischen Arbeitskräften erhöht.
     
  • Die Auswirkungen auf die einzelnen Wirtschaftsbranchen werden sehr unterschiedlich ausfallen. Die stärkste Verlagerung von Aktivitäten könnte im Einzel- und Grosshandel, in der Industrie, im Finanzbereich und in der öffentlichen Verwaltung stattfinden, d.h. in Sektoren, auf die rund die Hälfte aller Beschäftigten und rund 60 % des Schweizer BIP entfallen. Die meisten Arbeitsplätze könnten im Gesundheitswesen sowie bei technischen und professionellen Dienstleistungen entstehen. Einige Branchen, die stärker von der Verdrängung betroffen sein dürften, schliessen bei der Digitalisierung im Vergleich zu anderen Industrieländern schlechter ab und haben entsprechenden Aufholbedarf. So beträgt der Online-Anteil im Einzelhandel in der Schweiz weniger als 8 %, verglichen mit 15 % in Deutschland und 18 % in Grossbritannien.
     
  • Der Anreiz zur Digitalisierung und Automatisierung ist in der Schweiz aufgrund der relativ hohen Löhne bereits heute gross. Viele Unternehmen sind gut aufgestellt, wenn es darum geht, die digitale Transformation zu meistern. Einige der global wettbewerbsfähigsten Firmen sind hierzulande angesiedelt. Doch diese Position muss verteidigt werden. So kann die Schweiz exportbezogene Arbeitsplätze fördern, indem digitale Technologien und Dienstleistungen entweder selbst entwickelt und bereitgestellt oder in den am stärksten globalisierten Sektoren des Landes rasch adaptiert werden: 1,4 Millionen Arbeitsplätze in der Schweiz hängen direkt oder indirekt vom Export von chemischen Produkten, Pharmazeutika, Maschinen, Uhren, Finanzdienstleistungen, Tourismus sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ab. Zugleich müssen die Schweizer Unternehmer  darauf achten, dass ökonomische Erträge in die Wirtschaft reinvestiert werden. Nur so können ein integratives Wachstum und eine Entwicklung sichergestellt werden, in der sich Produktivitätswachstum in höherem Konsum, Investitionen und einer robusten Jobnachfrage niederschlägt – und nicht in einer Akkumulation von Wohlstand an der Spitze. Glücklicherweise gibt es in der Schweiz – im Gegensatz zu den USA – noch wenig Anzeichen für eine rückläufige Lohnquote oder eine übermässige Öffnung der Lohnschere.
     
  • Im Zeitalter von Digitalisierung und Automatisierung und angesichts der sich rasch vollziehenden Veränderungen auf den Arbeitsmärkten muss man  sich in der Schweiz zwei wesentlichen Herausforderungen stellen:

    1) Beschleunigung der digitalen Transformation und
    2) Aus- und Weiterbildung. 
     
  • Unternehmen müssen die digitale Transformation entschlossener in Angriff nehmen und Geschäftsmodelle, «Customer Journeys» und Geschäftsprozesse nach einer «Digital First»-Strategie umgestalten. Sie müssen digitale Abläufe und digitales Marketing auf Basis robotischer Prozessautomatisierung und «Advanced Analytics» entwickeln und ihre Aktivitäten so organisieren, dass sie die digitale Transformation unterstützen. Unternehmer, die nicht digitalisieren und automatisieren, riskieren, von proaktiven etablierten Unternehmern und neuen, digital agierenden Wettbewerbern aus dem Markt gedrängt zu werden. Politische Entscheidungsträger können die Digitalisierung beschleunigen, indem sie Wirtschaftssektoren nicht schützen, sondern für solche Disruptionen öffnen. 
     
  • Schweizer Unternehmer und die Gesellschaft haben insgesamt einen hohen Bedarf, Arbeitskräfte auf die in Zukunft gefragten Fähigkeiten vorzubereiten. Die Schweiz verfügt derzeit über hoch qualifizierte Talente, darunter gut ausgebildete Einwanderer, und ein starkes Bildungssystem. Es zeichnet sich jedoch nachfrageseitig eine tiefgreifende Kompetenzverschiebung ab. Nach unserer Schätzung könnte die Nachfrage nach Mitarbeitenden in Bereichen, die einfache kognitive oder körperliche und manuelle Fähigkeiten erfordern, um etwa 20 % zurückgehen. Umgekehrt wird der Bedarf in Bereichen, in denen soziale, emotionale und technologische Kompetenzen gefragt sind, um rund 20 % respektive bis zu 50 % steigen. Dieser Übergang wird sich nicht einfach gestalten, zumal die berufliche Mobilität bei den am stärksten Betroffenen besonders gering ist. Diese Kompetenzverschiebung wird die Rate, mit der Arbeitskräfte und Kompetenzen aus dem Mark fallen (z.B. durch Pensionierung), übertreffen. Dazu kommt, dass die Schweizer Hochschulen nur rund 3’000 Technologieabsolventen pro Jahr verzeichnen – weniger als die Hälfte des geschätzten Bedarfs im spezialisierten Technologie- und IT-Bereich.

    Die Bildungsanbieter sollten ihre Angebote noch stärker auf die Vermittlung technologischer und emotionaler Kompetenzen sowie auf lebenslanges Lernen ausrichten. Führungskräfte weisen darauf hin, dass es bereits heute nicht ausreichend Bewerbungen für die nachgefragten Berufsprofile gibt. In der vierteljährlichen Panelerhebung von McKinsey im November 2017 gab fast die Hälfte der Führungskräfte an, sich auf die Weiterbildung ihrer bestehenden Belegschaft zu konzentrieren, anstatt Mitarbeiter von aussen anzuwerben. Führende Unternehmer haben bereits mit umfangreichen Umschulungsprogrammen begonnen. Und auch in Zukunft wird die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften eine starke Rolle spielen, um den sich ändernden Bedarf an Fähigkeiten zu decken.  


Veranstaltungshinweise

 

The future of Work: Switzerland's digital opportunity (McKinsey Studie, Web)

Vorteile einer Mitgliedschaft (Electrosuisse, Web)

Tagungen - eine Übersicht  (Electrosuisse, Web)

Veranstaltungen, Kurse und Weiterbildung (Electrosuisse, Web)

Lohnradar 2018, Visionen und Trends (Magazin, Web)

StromerTAGE 2019: Weniger Theorie – mehr Praxis (Blog)

Industrie 4.0 – Schweizer Unternehmen haben Aufholbedarf (Blog)

Kompromisse statt «Perfect Match»? (Blog)

 

Grafik: McKinsey (Studie)
Foto Gerd Altmann auf Pixabay 

 

Kommentare zum Beitrag

Noch keine Kommentare zu diesem Beitrag vorhanden.

Einen Kommentar schreiben


Weitere Beiträge