Eine neue Pumpe macht noch keine Effizienz

Eine Pumpe der Produktionsanlage einfach nur durch eine neue, effizientere zu ersetzen, bedeutet noch lange nicht, dass die ganze Anlage oder das System auch effizienter wird. Das Gegenteil kann sogar der Fall sein, weil es Auswirkungen auf andere Systemteile geben kann, die insbesondere die Energieeffizienz mindern und so zum Kostentreiber werden. Wie gut wissen Sie Bescheid, was wirklich in Ihrer «Produktions-Blackbox» geschieht?


Interview mit Mark Wunderlich
Projektverantwortlicher Energieeffizienz


Du sprichst von einer «Produktions-Blackbox», wenn es um Systeme oder Anlagen geht. Was heisst das genau?

Das bedeutet, dass man häufig eine Instandhaltungs- oder finanzielle Systembetrachtung hat und man nicht im Detail weiss, was läuft, resp. wo welche Kosten anfallen. Oft liegt die Schwierigkeit darin, die Kosten korrekt auszuweisen, denn sie waren quasi schon immer «einfach da», denn der Bezug zu einem optimierten System fehlt. Manchmal stellen wir auch fest, dass bewusst kein vertieftes Wissen gewünscht ist. Meistens reicht es aus, die Kosten und den Ertrag des Systems zu kennen. Dann wird es allerdings schwierig zu erfahren, wo der Hebel anzusetzen ist, um System- oder Prozessabläufe und damit wiederum die Ressourceneffizienz zu verbessern.


Wenn irgendwo eine Veränderung ansteht, wie beispielsweise Antriebe zu ersetzen oder Anlagen völlig neu zu erstellen, wieso sollte ich denn Bescheid wissen über das ganze System?

Wenn ich ein tieferes Systemverständnis habe, bekomme ich auch einen Überblick, wo resp. welche Verbesserungen überhaupt gemacht werden können und welche Systemteile welche Einflüsse aufs Ganze haben. Wenn ich weiss, wie die verschiedenen Komponenten miteinander interagieren, kann ich feststellen, welche Systemkomponenten viel kosten und allenfalls wenig bringen oder durch kleine Korrekturen viel mehr bringen könnten. So habe ich direkten Einfluss auf die Systemkosten und kann entsprechend optimieren. Es ist erstaunlich, was ein tieferes Systemverständnis zutage fördern kann! Es lohnt sich auch, solch tiefere Betrachtungen für Neuanlagen anzustellen.

Wieso ist Energie- und Ressourceneffizienz Chefsache?

Eigentlich aus zwei Gründen: Ressourcen stehen immer im Zusammenhang mit Kosten und Ertrag. Und damit man die Kosten/Ertrag-Situation im Sinne des Unternehmens optimieren kann, braucht es eine Strategie. Damit Strategien umgesetzt werden können, müssen sie auf Stufe «Entscheidungsträger» angesiedelt sein.


Warum lohnt es sich, das Thema Energieeffizienz thematisch, statt nur rein sachlich zu betrachten?

Rein sachlich betrachtet ist es meistens eine sehr punktuelle Angelegenheit, d.h. ich ersetze beispielsweise eine alte durch eine neue, hoffentlich effizientere Pumpe. Das ist ein sogenanntes «End-of-pipe Prinzip». Wenn ich das Ganze jedoch thematisch angehe, dann ist die Energie ein Bestandteil der Systemressource. Somit vergrössere ich mein Blickfeld, resp. ich erhalte einen umfassenderen Einblick in Systeme und Abläufe – mein Betrachtungsfeld vergrössert sich. Ich schaue mir also die Abläufe genau an, d.h. es wird zur präventiven und strategischen Betrachtungsweise.


Gibt es Erfahrungswerte oder Studien, die dies belegen?

Ja, das gibt es. Seitens Energie insbesondere aus dem Bereich MEM-Industrie hat Swissmem Untersuchungen gemacht. Dort hat man erkannt, dass mit einer sogenannten «Re-Think-Strategie» z.B. zwischen 30 und 70 % Energieeinsparungen erreicht werden kann, im Bereich «Re-Design» 10 – 30 %; bezüglich punktueller Massnahmen hingegen zwischen 0 und 10 %. Seitens Beschaffung sehen die Zahlen beziehungsweise Investitionseinsparungen ähnlich aus.


Wer profitiert denn am meisten von einem vertieften Systemverständnis?

Ich möchte hierzu vorausschicken, dass diese Themen eine sehr starke psychologische Komponente haben. Neue Herangehensweisen und Änderungen in Prozessabläufen verursachen immer Verunsicherungen. Es gibt hierzu noch nicht sehr viele Vergleichsmöglichkeiten, auch weil die Produktionslandschaft in der Schweiz sehr individuell ist und deshalb etliche Prozesse sehr unternehmensspezifisch sind.

Profitieren tun alle, die sich auf eine solche System- und Prozessoptimierung einlassen und sich vertieft dafür interessieren, ihr Unternehmen auch in diesem Bereich in Schwung zu halten. Eine Systemanpassung sollte immer verhältnismässig sein und wichtige Prozesschritte betreffen – sonst ist dies reine Ideologie.

Noch ein Wort zu den Rahmenbedingungen: Aktuell steigen die Strompreise langsam wieder, nachdem sie in den letzten Jahren eher rückläufig waren. Auch ist die Idee der Systemoptimierungen nicht wirklich neu. Warum man sich jedoch jetzt darum kümmen sollte ist, dass Verbesserungen immer auch Gelegenheit bieten, den Kundenbedürfnissen besser und schneller gerecht zu werden und das Unternehmen entsprechend zu positionieren. Auch mit den sogenannten «Zielvereinbarungen» der Kantone und des Bundes will man diesen Ansatz fördern. Ausserdem achten immer mehr Kunden auf den ökologischen Fussabdruck eines Unternehmens. Mit gezielten Massnahmen kann man also nicht nur System- und Prozessoptimierungen erzielen, sondern auch das Image seiner Firma beeinflussen. EnergieSchweiz hat übrigens aktuell einige Programme am Laufen, die solche Analysen und Umsetzungen von speziellen Massnahmen stark mit Fördergeldern unterstützen.


Was braucht es denn, resp. was muss ich tun, damit ein Unternehmen «wirklich» energieeffizient wird?

Um dieser Sache zu begegnen, ist der erste Schritt, sich klar zu werden, ob ich überhaupt ein vertieftes Wissen gewinnen will. Dann muss man den Ehrgeiz entwickeln, das System auch zu verstehen und Situationen, die strukturell bedingt sind, wie z.B. Kostenstellen, aussen vor zu lassen. Es ist wichtig, das Unternehmen als Ganzes zu erfassen. Anschliessend eröffnet dies die Gelegenheit, sich einen echten vertieften Einblick zu verschaffen, was, wann, wie und wo überhaupt geschieht und geschehen soll. Als neutraler Partner können wir Unternehmer von Anfang an unterstützen, um die geeigneten Kennzahlen zu erarbeiten, Anlagen und Systeme zu durchleuchten und anschliessend die nötigen Schritte mit dem Auftraggeber zu definieren. Es kann auch sehr nützlich sein, als externer Berater im Betrieb aufzutreten, um eine unvoreingenommene Betrachtungsweise durch Fachleute zu erzielen.

 

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Foto: Mark Wunderlich, Electrosuisse

 

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