Sieben Weltrekordversuche auf einmal

Ein kleines Team will zeigen, dass man mit einem kommerziell erhältlichen batterieelektrischen Schulungsflugzeug in drei Tagen von den Alpen an die Nordsee fliegen kann. Konkret: von Schänis nach Norderney. Ohne Stau, leise und möglichst nachhaltig. Die sieben Weltrekordversuche ergeben sich in vielen Fällen fast schon automatisch aus der deutlich überlegenen Effizienz des Elektromotors. Sie stehen aber nicht im Fokus, sondern man möchte zeigen, dass sich der Luftverkehr schon heute deutlich effizienter gestalten lässt, zumindest bei Kleinflugzeugen.

Der Abflug war für Sonntag, den 30. August 2020 vorgesehen. Das Flugzeug stand startbereit im Hangar des Flugplatzes Schänis, die Fangemeinschaft war trotz strömendem Regen – meist mit Elektroautos – präsent. Der Rasen gleicht einem Reisfeld, später muss die lokale Feuerwehr sogar Zufahrten sperren. Das Projektteam diskutiert die angespannte Lage, denn man ist mit praktisch jedem Kleinflugzeug - egal ob Verbrenner oder elektrisch – aus Sicherheitsgründen auf Sichtflug angewiesen. Wolken dürfen nicht durchflogen werden, nicht einmal annäherungsweise.

Mit dem startbereiten Elektroflugzeug machen normalerweise Lehrer und Schüler einen rund 50-minütigen Lehrflug. Anschliessend wird der Flug besprochen und die Vorbesprechung mit dem nächsten Schüler durchgeführt. Diese Zeit reicht aus, um die Batterie für den nächsten Flug zu laden. Schon kann der nächste Flug starten. Der Elektroantrieb benötigt gut 5x weniger Energie als ein Verbrenner, also genügt dafür eine Batterie mit 24,8 kWh, wobei aus Sicherheitsgründen stets eine Restkapazität von 30% vorgehalten wird. Und der Elektromotor ist ebenfalls deutlich kompakter und leichter, zudem würde das Flugzeug auch ohne Strom nur sanft nach unten gleiten und liesse sich gut notlanden. Darum hat es auch die erste Elektro-Zertifizierung bestanden und darf jetzt kommerziell verkauft werden.

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Wird wie ein Elektroauto geladen: das für den Rekordflug verwendete Elektroflugzeug Alpha Electro von Pipistrel. Bild: Marcel Stöckli

Ein Steigflug benötigt 40 kW, beim Reisen sind es 20 kW (bis zu 57,6 kW können aktiviert werden), bei einem Leergewicht von 428 kg können 172 kg Zusatzgewicht mit an Bord. Geflogen wird mit bis zu 181 km/h horizontal, die Reichweite beträgt 115 km bei 140 km/h. Der Propeller wurde auch bereits auf Rekuperation optimiert, obwohl das Wiederaufladen von den Luftfahrtbehörden noch nicht zugelassen ist. Rund 170'000 Euro kostet das Flugzeug, aber es gibt bereits ein Miet-Modell für Flugschulen, bei dem nur die effektive Nutzungszeit bezahlt wird.

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Christian Frei erläutert den Einsatz des von Electrosuisse zur Verfügung gestellten geeichten Stromzähler, der jeweils beim Laden verwendet wird, um die beim Flug verbrauchte Energie mit der erforderlichen Genauigkeit zu erfassen. Bild: Marcel Stöckli

Montag, 31. August 2020. Nun ist es soweit: Das Wetter lässt endlich einen Start zu, die Aussichten entlang der geplanten Flugroute sind heute ebenfalls positiv. Um zwanzig nach sieben treffen die Piloten ein, wenig später auch die Bodencrew. Auf dem Flugplatz hat das Unwetter vom Sonntag seine Spuren hinterlassen. Immer noch sind grosse Wasserlachen auf dem Rollfeld. Während die Vorbereitungen für den Flug laufen, filmt die Bodencrew die Geschehnisse. Aktuelles ist auf Instagram und elektro-weltrekordflug.eu zu finden. Punkt 08:00 Uhr ist es dann so weit, das Wetter sieht vielversprechend aus, die Sicht ist gut. Die HB-SYE ist ready for take-off. Ohne Motorenlärm rollt das Flugzeug los, einzig ein relativ leises Geräusch, wie das eines Ventilators, ist zu hören. Am Runway angekommen, sieht man noch den Run-Up und dann endlich, die beiden Piloten Morell Westermann und Marco Buholzer geben Strom und heben ab! Nach einem ersten kurzen Ladestopp auf dem Flugplatz Birrfeld geht es zügig weiter in Richtung Nordsee, wo man nach drei Flugtagen und mehreren Informationsdialogen entlang der Strecke ankommen will.

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Der Regen ist vorbei. Endlich kann es losgehen - nur noch schnell ein letztes Foto. Bild: Gian Güler

Text: Marcel Stöckli, Gian Güler


Beitrag von Electrosuisse
Electrosuisse setzt sich für eine effiziente und nachhaltige Mobilität ein und unterstützte deshalb das Projekt als erster Partner. Davon zeugt die exklusive Logo-Platzierung auf der Nase und beim Ladestecker. Der Verband stellt zudem zwei geeichte Messgeräte zur Verfügung, damit präzise dokumentiert werden kann, wieviel Energie das Flugzeug unterwegs geladen hat und der exakte Verbrauch feststeht.

 

 

 

Kommentare zum Beitrag

Stöckli vor 2 Monaten

Gut beschrieben Danke

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