In Zukunft wird das Gebäude zu einem Kernstück des Energiesystems

Die Schweiz verbraucht jedes Jahr über 240 Milliarden kWh, von denen 40 % auf den Gebäudebestand entfallen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass das Bundesamt für Energie (BFE) der Sanierung hohe Priorität beimisst. Eine Bestandsaufnahme mit Benoît Revaz, dem Vorsteher des BFE.


Interview: Sylvie Ulmann
für swisspor AG


Benoît Revaz, Sie sind seit Oktober 2016 Direktor des BFE. Sie kommen aus der Elektrizitätswirtschaft; hat Ihre neue Position die Art und Weise verändert, in der Sie Energiefragen angehen?

Ja, denn Unternehmen denken in Quartalen, Halbjahren oder Jahren. Beim BFE sind wir gezwungen, die langfristigen Ziele in den Blick zu nehmen, und müssen die Dinge über Jahrzehnte oder noch längere Zeiträume betrachten, um unseren verfassungsmässigen Auftrag zu erfüllen. Der besteht darin, einerseits eine gleichermassen diversifizierte, sichere, wirtschaftliche und erneuerbare Versorgung zu gewährleisten und andererseits dafür zu sorgen, dass Energie effizient genutzt wird.

Welche Rolle kann der Staat auf diesen beiden Ebenen spielen?

Das Schweizer System beruht auf einem grundlegenden Prinzip, nämlich der Subsidiarität. Dieses Prinzip wenden wir sehr strikt an und schreiten nur ein, wenn die Wirtschaft nicht in der Lage ist, die eine oder andere Aufgabe zu erfüllen, oder wenn sich die Notwendigkeit ergibt, einen Rahmen vorzugeben.

Heute scheint es so auszusehen, dass sich die getroffenen Massnahmen leider als unzureichend erweisen, um die Ziele im Bereich der Energieeffizienz von Gebäuden zu erreichen, insbesondere bei der Renovierung ...

Wir streben bis 2050 für den gesamten Bestand eine Reduzierung des Endenergieverbrauchs um 45 % an. Zudem haben wir internationale Verpflichtungen. Um die einzuhalten, muss man in der Tat vielleicht zusätzliche Massnahmen ins Auge fassen. Aber ich bin zuversichtlich; es wird weitere Innovationen geben. Und vor allem verfügen wir über die erforderlichen Kompetenzen, sie auf den Weg zu bringen.
 

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Hat das Gebäudeprogramm zu bedeutenden Fortschritten geführt?

Die von 2010 bis 2017 durch das Gebäudeprogramm geförderten Massnahmen ermöglichen insgesamt, die Emissionen im Schweizer Immobilienbestand über die gesamte Laufzeit der Massnahmen um mehr als 12 Millionen Tonnen CO2 zu reduzieren. Bei den geförderten Massnahmen handelt es sich um Wärmedämmung, Austausch des Heizungssystems durch Systeme, die mit erneuerbaren Energien arbeiten, Neubauten und Fernwärmenetze. Im Rahmen des Anreizprogramms haben wir zwischen 2010 und 2017 1,5 Milliarden Franken vergeben. Das hat Investitionen in der Grössenordnung von etwa 3,4 Milliarden bewirkt.

Das entspricht einem Prozent pro Jahr. Warum gelingt es nicht, diese Schwelle zu überwinden, insbesondere bei der Renovierung?

Der Gesamtwert des Schweizer Immobilienbestands liegt bei etwa 2500 Milliarden Franken. Die jährlichen Investitionen beim Neubau belaufen sich auf 27 Milliarden, während es bei der Renovierung 13 Milliarden sind. Es sieht so aus, als verfügten wir über weniger Ressourcen für die Renovierung, da die Unternehmer den Neubau zulasten der Renovierung bevorzugen, deren Durchführung komplexer ist.

Hängt das auch damit zusammen, dass die Mehrheit der Schweizer Mieter sind?

Man müsste einen Weg finden, um die Gewinne einer Optimierung des Energiesystems gerechter zwischen Eigentümern und Mietern zu verteilen. Es entstehen neue Modelle, die es noch nicht gab, als der gesetzliche Rahmen gesteckt wurde, beispielsweise das Energiecontracting oder Genossenschaften von Selbstversorgern.

Welche Auswirkungen hatte das Inkrafttreten des revidierten Energiegesetzes auf den 1. Januar 2018?

Es hat auf unerwartete Weise Zusammenschlüsse von Selbstversorgern beschleunigt. Wir haben mit allen Beteiligten der Branche gesprochen, mit Stromversorgungsunternehmen, Eigentümern, Mietervertretern usw., um einen Bezugsrahmen zu entwickeln, der sich mit praktischen Fragen befasst: Wie führt man Regeln ein, um vom Dach kommende Energie im Rahmen eines Stockwerkeigentumsvertrags zu verteilen? Wie verfasst man einen Zusatz zum Mietvertrag, damit der Mieter ebenfalls davon profitiert?

Von autarken Gebäuden, die vor zehn oder fünfzehn Jahren im Gespräch waren, sind wir noch sehr weit entfernt!

Diesen Projekten muss man zugutehalten, dass sie gezeigt haben, dass Selbstversorgung möglich ist. Doch heute setzen wir stärker auf den Verbund, sei es von Gebäuden, Energien oder Netzen. Hier könnte die Mobilität durchaus einen neuen Impuls geben. Wenn Elektrofahrzeuge auf dem Markt weit verbreitet sind, könnte das die Nutzer dazu anregen, ihren Verbrauch zu überdenken.

Ihre Worte vermitteln den Eindruck, dass sich die zu bewältigenden Herausforderungen auf das Gebäude konzentrieren ...

Im Grunde geht es darüber hinaus: Das Gebäude wird sich zu einem zentralen Element des Energiesystems von morgen entwickeln. Es wird nicht mehr nur ein Standort sein, der Energie verbraucht. Sein Verbrauch kann flexibel werden, es kann mit den Netzen interagieren, um den Verbrauch zu erhöhen oder zu senken, es kann Energie erzeugen oder speichern. Das ist gegenüber dem betont statischen Ansatz, der bisher vorherrschte, eine phänomenale Entwicklung. Auf gesetzlicher Ebene zwingt dieser Paradigmenwechsel zum Nachdenken, da der bestehende Rahmen zu einer Zeit entwickelt wurde, als man die Dinge noch nicht so betrachtete.

Welche Rolle soll die Industrie in diesem Zusammenhang spielen?

Renovieren erfordert Kompetenzen, weil man globale Konzepte entwickeln muss und sich nicht damit begnügen darf, die Fassade zu dämmen oder Fenster auszutauschen. Alle Beteiligten müssen sich einsetzen und weiterbilden, damit sie die Arbeiten nach einem integrierten, systemischen Konzept in Angriff nehmen können.

Doch die Eigentümer müssen sich auch über den Zustand ihres Gebäudes Klarheit verschaffen, denn sie veranlassen letztendlich die Arbeiten. Ist der GEAK ein gutes Werkzeug hierfür?

Ja, einige Kantone haben ihn im Übrigen bei der Veräusserung eines Gebäudes zur Pflicht gemacht. Er vermittelt einen Gesamtüberblick über dessen Energieverbrauch. Er bildet eine Grundlage, auf der man eine Renovierung planen kann, um das Optimierungspotenzial auszuschöpfen. An diesem Punkt ist es von entscheidender Bedeutung, gut beraten zu werden. Die Kompetenzen der Branche machen den Unterschied aus, denn sie ermöglichen, wichtige Veränderungen vorherzusehen.

Muss man die Normen und die Beihilfen nicht vereinheitlichen, um diese Investitionen zu fördern?

Der Bund gibt den Rahmen vor und stellt die Mittel zur Verfügung, aber die unmittelbare Zuständigkeit liegt bei den Kantonen. Die Konferenz Kantonaler Energiedirektoren bemüht sich darum, die Unterschiede auszugleichen, aber es stimmt, dass schon in einer Entfernung von 20 km verschiedene Normen gelten können, was den Unternehmen die Arbeit erschwert.

Sollte man nicht die Subventionen erhöhen, um die Eigentümer zu ermutigen, ihre Immobilien zu renovieren?

Bei Privatpersonen muss man einen wichtigen Faktor berücksichtigen: Wir leben immer länger. Anders ausgedrückt, man erbt immer später. Ist man aber erst einmal Rentner, wird man zögern, grosse Baustellen in Angriff zu nehmen. Mitunter fehlen einem der Antrieb und die finanziellen Mittel. Zudem ist es nicht immer leicht, einen Kredit zu bekommen. Ich sage immer wieder, dass die Bankenwelt auf diesem Gebiet so gut wie abwesend ist. Es gibt einige Finanzprodukte oder auch günstige Zinsen für Renovierungen, aber diese Instrumente bleiben äusserst selten. Deshalb wurde im revidierten Energiegesetz die steuerliche Optimierung von Renovierungen angepasst, sodass man die Investitionen nun auf drei Jahre verteilen kann. Diese Regelung tritt 2020 in den Kantonen in Kraft.

Geld ist ein wirkungsvoller Hebel ...

In der Tat, aber es ist Teil eines vielfältigen Instrumentariums, über das wir mit dem Gebäudeprogramm verfügen, um Renovierungen zu fördern. Denn die Schweizerinnen und Schweizer geben jährlich 2,5 Milliarden Franken für Öl- und Gasbrennstoffe aus. Das ist eine Menge! Es lohnt sich also, Arbeiten auszuführen, auch wenn sich die Investition nicht sofort bezahlt macht.

Mit Minergie hatte die Schweiz eine Vorreiterrolle im Bereich Energieeffizienz übernommen. Ist das heute immer noch so?

Im Gebäudebau liegen wir laut mehreren Studien auf den vorderen Rängen unter den Ländern der nördlichen Hälfte Europas. Aber wir müssen uns davor in Acht nehmen, wie langsam die Energievorschriften in den Kantonen umgesetzt werden. Hinzu kommt, dass die Schweizer im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern Immobilien bauen, die auf Langlebigkeit ausgelegt sind. Wir zögern daher, etwas Bestehendes abzureissen, um es durch einen effizienteren Neubau zu ersetzen.

Wie sehen Sie die kommenden 20 bis 30 Jahre?

Ich bin zuversichtlich. In der Schweiz haben wir hohe Qualitätsstandards, auch im Bereich der Energieeffizienz. Ich glaube, dass wir Innovationen schaffen werden, und bin überzeugt, dass Immobilien eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung zu spielen haben, die immer stärker dezentralisiert wird. Bald wird man sich nicht mehr damit begnügen eine Fassade zu dämmen, man wird sie mit Photovoltaik verkleiden. Diese Technologien werden sich weiterentwickeln und an Effizienz gewinnen. Ein weiteres Ziel ist es, dass Gebäude vernetzt funktionieren können. Das könnte schon sehr bald Wirklichkeit werden, weil es bereits Lösungen gibt, die Abläufe zu managen, sogar von einem Mobiltelefon aus.

Energie ist billig. Trägt das nicht dazu bei, dass Eigentümer und Mieter sich dagegen sträuben, über die Reduzierung ihres Verbrauchs nachzudenken?

Genau deshalb bin ich überzeugt, dass man CO2 mit einem gerechten Preis versehen sollte. Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Merkel haben dieses Thema im Übrigen bereits angesprochen. Eine solche Massnahme hätte eine bedeutende Wirkung.

Heute gibt es bereits dementsprechende Technologien und man ist in der Lage, sie anzuwenden. Aber es bleiben Hemmschuhe ...

Die Kosten natürlich, und die Tatsache, dass bestimmte Infrastrukturen noch nicht existieren. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Eines ist jedoch gewiss: Der Gebäudebau wird sich als Schlüssel zu diesem Übergang und zum Wandel unseres Energiesystems erweisen.

 


Portrait
Seit 2016 ist Benoît Revaz Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE). Zuvor hatte er verschiedene leitende Funktionen bei den Freiburger Elektrizitätswerken (heute Groupe E), Eos Holding, Alpiq Holding und E-CUBE Strategy Consultants.
 

 

Veranstaltungshinweise

 

Für zukunftsweisende Gebäude, Energieeffizienzmassnahmen (Artikel, bulletin.ch)

Wie man einen Konzertsaal klimatisch in den Griff kriegt, Herausforderungen bei der Gebäudetechnik (Artikel, bulletin.ch)

«Olympic House», Symbol der Nachhaltigkeit (Blog)

Smart Home in a connected world (Blog)

Mit «FaktorEnergie» zu mehr Effizienz und Rendite (Blog)

#Lichtspricht - connected lighting, LED-Forum 2019 (Blog)

Tüfteln für die nächste Akku­generation, Forschungsaktivitäten an der Empa (Artikel, bulletin.ch)

«Energie – sonnenklar», Photovoltaik: Technik und Infrastruktur (Info-Broschüre, PDF)

 

Fotos: Pierre Vogel +  Stefano Ferrario auf Pixabay

 

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