Jet-Pilot aus Leidenschaft

Oliver Fischer ist brevetierter Militärpilot auf Jets. Nach seinem Maschinenbau-Studium an der ETH Zürich wurde er Werkpilot. Seit 22 Jahren ist er mittlerweile Pilot auf militärischen Flugzeugen, u.a. dem F-5, und in Emmen stationiert. Sein Beruf ist sehr anspruchsvoll und bietet ständig neue Herausforderungen. Oliver Fischer muss deshalb in vielen Bereichen fit sein.

Interview

Welche Voraussetzungen muss ein Jet-Pilot mitbringen?

Ein Jet-, resp. Militärpilot, sollte stressresistent sein. Es braucht eine hohe Lernbereitschaft und er muss aber auch ein gesundes Mass an Ehrgeiz an den Tag legen. Ehrgeiz ist der Treiber, um immer besser zu werden. Das heisst nicht unbedingt besser als die andern, aber besser als im letzten Einsatz. In Kombination mit einer guten Lernfähigkeit bringt einen das immer weiter, Tag für Tag.

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Wie lange dauert diese Ausbildung und wann beginnt sie?

Mit dem Fliegen beginnt man schon sehr früh, ab 17 Jahren, in Vorkursen im Rahmen der SPHAIR, oder auch privat. Die militäraviatische Ausbildung beginnt dann nach absolvierter Offiziersschule und bestandener Selektion, mit 21 Jahren. Es ist schwer zu definieren, wann die Ausbildung zum Jet-Piloten wirklich abgeschlossen ist. Man könnte sagen, dass die Grundausbildung etwa zwei Jahre dauert. Anschliessend gibt es fortlaufend Weiterbildungen, die die Fähigkeiten eines Piloten ergänzen und komplettieren. Das kann 10 Jahre und mehr beanspruchen.

In welchen Bereichen muss sich ein Pilot weiterbilden?

Im technischen Bereich ist die Weiterbildung eher beschränkt. Weiterbildung in diesem Gebiet ist dann aktuell, wenn ein neues Flugzeug oder System eingeführt oder getestet wird. Sonst liegen die Schulungen eher im operationellen Bereich, d.h. dass man neue Taktiken und Strategien lernt. Grundsätzlich muss man sein Know-how täglich wieder auffrischen. Wenn man etwas zirka zwei Wochen nicht mehr gemacht hat, z.B. nach Ferien, dann funktionieren manche Dinge schon nicht mehr von selbst; es schleichen sich kleine Fehler ein. Um die Routine zu halten, braucht es sehr viel Training.

Auch als Jet-Pilot hat man nie ausgelernt, man lernt immer weiter. Es kommen immer neue Systeme und Taktiken hinzu. Somit wird es weder langweilig noch ist man wirklich ausgelernt – es dauert bis zur Pensionierung an.

Wann wird man denn als Jet-Pilot pensioniert?

Als Jet-Pilot einer Frontstaffel geschieht dies mit 42 Jahren. Es gibt jedoch die Möglichkeit, weiter Jets zu fliegen - einfach nicht mehr als Frontpilot. Hier ist die medizinische Tauglichkeit massgebend und gleichzeitig der limitierende Faktor. Wenn man fit ist, dann kann man theoretisch auch bis zum 65. Altersjahr Jets fliegen, zum Beispiel als technischer Pilot oder als Ausbilder.

Fliegen Sie täglich?

Ich bin praktisch jeden Tag in der Luft. Es gibt bestimmt auch Wochen, während denen ich keinen Flug absolviere. Es gibt aber auch Wochen, in denen ich täglich mehrere Flüge absolviere. Übers Jahr gerechnet bin ich im Schnitt ca. 1 Stunde pro Tag in der Luft.oliver-fischer-jet-pilot-hoch

Wenn Sie in der Luft sind: Was wäre das Schlimmste, das Ihnen passieren könnte?

Das Schlimmste wäre, wenn man in der Luft mit etwas zusammenstösst, sei es mit einem anderen Flugzeug oder mit dem Boden. Im Endeffekt geht es immer darum, dies zu verhindern. Das heisst, dass die Annäherung zu einem anderen Flugzeug oder zum Boden immer kontrolliert geschieht.

Wenn es technische Ausfälle gibt, was dann?

Mit technischen Ausfällen muss man rechnen. Jeder Pilot hat Fähigkeiten und Wissen, die ihm helfen, mit technischen Schwierigkeiten umzugehen. Die meisten Systeme sind ausserdem redundant vorhanden. Wenn eines ausfällt, dann kann man den Flieger mit Hilfe anderer Systeme noch sicher in der Luft halten. Wenn etwas ausfiele, das so wichtig und zentral wäre, dass man es nicht mehr bedienen könnte, dann gäb’s als letzte Option noch den Schleudersitz.

Wie schlimm ist es, wenn Sie den Kontakt zum Tower verlieren?

Der Tower ist nur einer meiner Gesprächspartner während eines Flugs, nämlich zum Starten und Landen. Während eines Flugs ist der Pilot mit verschiedenen Stationen verbunden. Wenn er den Kontakt zum Tower verlöre, gibt es verschiedene Verfahren, die es erlaubten, auch ohne Funkkontakt zu landen. Der Tower ist ein relativ kleiner, natürlich wichtiger Teil für die Sicherheit in einem ganzen System. Ein Funkausfall beträfe nur einen relativ kleinen Bereich und wäre nicht ganz so schlimm. Es gibt immer Optionen, um eine Situation zu meistern.

Wie gut wissen Sie über Elektrotechnik Bescheid?

Über Elektrotechnik weiss ich sehr wenig. Als Maschinenbau-Student war Elektrotechnik wohl mein schlechtestes Fach. Als Pilot bin ich Anwender, muss allerdings wissen, wie die elektrischen und elektronischen Systeme im Flugzeug funktionieren. Vor allem muss ich wissen, was es zu tun gilt, wenn etwas nicht läuft.

Wie gross ist ein Team?

Man könnte denken, dass das Team eines Militärjet-Piloten aus ihm selbst und der Maschine bestehe. Dem ist nicht so. Ein Jet-Pilot muss teamfähig sein - er muss ein echter Teamplayer sein. Es beginnt schon bei der Flugplanung. Ich werde hier von verschiedensten Fachleuten unterstützt. Im Weiteren muss man die anderen Piloten, die im Verband mitfliegen, mit einbeziehen. In der Luft ist man kein Einzelkämpfer, sondern Teil eines Teams. Man arbeitet im Verband und kommuniziert miteinander. Schlussendlich übergibt die Ground-Crew den Flieger und nimmt ihn nach dem Einsatz auch wieder entgegen. Und natürlich ist man auch mit der Flugverkehrskontrolle stets in Kontakt.

Wenn man nicht teamfähig wäre, dann würde alles nicht funktionieren.  

Wie sieht der Ablauf eines Flugeinsatzes aus?

Am Anfang bekommt man einen Auftrag. Dann beginnt jeder Flug immer mit der Planung. In dieser Planungsphase ist die Risikoanalyse ganz wichtig. Dort identifiziert man möglichst viele Gefahren, damit wir sie bestenfalls eliminieren, zumindest jedoch abschwächen können. Wenn die Planungsphase abgeschlossen ist, dann gibt es ein Briefing für alle Beteiligten. Dort bespricht man den ganzen Auftrag und entsprechend den ganzen Flug. Am Schluss muss jeder wissen, was er zu tun hat. Anschliessend erfolgt der Flug. Den kann man unterteilen in Start, Flugphase, während der der Auftrag erfüllt wird, und dann die Landung. Nach der Landung ist der Flug noch nicht abgeschlossen, dann wird im Debriefing nachbesprochen. Das ist sehr wichtig, um Lehren aus dem Einsatz zu ziehen, um sich weiterzuentwickeln.

Nur aus Fehlern kann man lernen! Sie gemeinsam zu besprechen ist sehr zentral für Piloten. Wir machen auch auf Fehler aufmerksam, die andere begangen haben. Man muss also auch kritikfähig sein, all die Fehler entgegenzunehmen und dann natürlich auch umzusetzen – das ist das Allerwichtigste.

Wer ist die wichtigste Person während des Flugs für Sie?

Das ist immer derjenige, mit dem ich im Verband fliege. Wenn ich der «Wingman» bin, dann ist mein «Leader» die wichtigste Pelectrosuisse-interview-oliver-fischer-img-3207erson für mich. Er ist derjenige, der durch die Mission führt. Ihm unterstelle ich mich und ich stelle ihm meine Dienstleistung zur Verfügung. Wenn ich selbst der Leader bin, dann sind die wichtigsten Leute jene, die mit mir im Verband fliegen, weil ich für sie verantwortlich bin.

Wie gewährleisten Sie die Sicherheit für sich und andere?

Sicherheit ist ein absolut zentrales Thema bei uns in der Fliegerei. Es wird eigentlich alles der Sicherheit untergeordnet. Es gibt keinen Flug, bei dem man keine Risikoanalyse gemacht, das Gefahrenpotenzial abgeschätzt und entsprechende Massnahmen zur Minimalisierung getroffen hat.

Bei uns Piloten sagt man: «Mission first – safety always».

Natürlich steht der Auftrag und dessen Erfüllung im Zentrum. Ohne den müssen wir ja gar nicht fliegen und ich müsste mich auch gar keinen Risiken aussetzen. Schlussendlich muss aber alles sicher geschehen. Die Sicherheit muss für alle Beteiligten gewährleistet sein. Selber hat man vielleicht nicht immer alle Informationen, um eine Situation umfassend zu beurteilen und entsprechend reagieren zu können. Deswegen ist man auch auf die anderen im Auftrag Beteiligten angewiesen, die entsprechend kommunizieren. Die Kommunikation ist also absolut zentral.

Wie realistisch ist ein Cyber-Angriff für Sie als Jet-Pilot? Könnten Sie fremdgesteuert werden?

Cyber-Attacken in der Fliegerei sind sicher denkbar. Ich kann selbst zu wenig beurteilen, wie realistisch das ist. In der Militärfliegerei werden umfassende Massnahmen getroffen, damit das nicht möglich ist.

Wie lange wird es noch Piloten geben?

Die unbemannte Fliegerei ist sicher im Vormarsch. Das ist nicht abzustreiten, auch wenn dies kein Pilot gerne eingesteht. Schlussendlich denke ich, wird er jedoch nie ganz von der Bildfläche verschwinden. Gerade in Friedenszeiten ist es nicht denkbar, dass im militärischen Bereich alles unbemannt stattfindet. Da ist letztendlich das menschliche Urteils- und Entscheidungsvermögen zentral und wichtig. Man muss den gesunden Menschenverstand walten lassen. Das kann man nicht an Maschinen delegieren. Es ist aber durchaus denkbar, dass für gewisse Missionen Drohnen eingesetzt werden. Überall dort jedoch, wo ein gesunder Menschenverstand wichtig ist, wird es immer Piloten brauchen. Er muss die Lage beurteilen und dann entsprechende Entscheidungen fällen.

Wie wird sich Ihr Beruf durch neue Technologien verändern?

Mein Beruf als Pilot - und die Fliegerei generell - ist in ständiger Entwicklung. Ich würde sogar behaupten, dass sich die Welt ohne die Fliegerei nicht so stark und schnell entwickelt hätte. Die Fliegerei war schon immer ein Pionierbereich punkto Entwicklung. Das wird auch immer so sein. Technologie und Entwicklung kann man nicht von der Fliegerei trennen, dies wird immer Hand in Hand einhergehen.

Man kennt Autopilot-Systeme in der Fliegerei ja schon länger… fliegt die Maschine bald ganz autonom?

Es ist ein realistisches Szenario, dass ein Computer die ganze fliegerische Arbeit erledigt und ein Pilot – wenn man ihn dann immer noch so nennen will – die Systeme überwacht. Falls nötig wird diese Person auch Entscheidungen fällen. Der Pilot würde eben zu einem nicht-selbst-fliegenden Systemüberwacher, Entscheidungs- und Verantwortungsträger werden.

 

Betriebselektrikertagung (Event)

Teaser-Video Betriebselektrikertagung (YouTube)

Weiterbildung @ Electrosuisse  (Programm)

 

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