Mehr als Architektur

Archilyse ist ein stark forschungsgetriebener Startup-Betrieb mit dem Ziel, Architekturqualität vollumfänglich und objektiv zu messen. In der Cloud-Lösung generieren die Spezialisten mit Hilfe von umfangreichen Simulationen eine ganzheitliche Analyse für Immobilienentscheider.

Gemäss eigener Aussagen sind sie global die einzigen, die hierzu nicht nur die geografische Lage betrachten, sondern auch die Grundrissqualitäten ausgiebig analysieren und die Umgebung mit einbeziehen. Die Daten werden dann in einfach lesbaren Heatmaps dargestellt oder können in Form von Kennzahlen zur weiteren Verarbeitung exportiert werden. Bis anhin nutzen Projektentwickler, Architekten, Planer und Immobilienbesitzer diese Analysedaten, mit welchen sich in jeder Phase der Wertschöpfungskette Mehrwerte schaffen und Kosten einsparen lassen. Matthias Standfest hat Archilyse 2017 als ETH Spin-off gegründet. 2018 wurde das Team als Top25 PropTech Startup in Europa ausgezeichnet.


Interview mit Matthias Standfest,
Gründer und CEO von Archilyse


Was ist Ihre Motivation, Ihre Vision? Weshalb haben Sie diese Firma gegründet?

Eine Frage, die mich seit Beginn meiner Studienzeit beschäftigt, ist die nach guter Architektur. Welche objektiven Qualitäten können für Optimierungen herangezogen werden? Was ist an Architektur wichtig? In meiner Forschung an der ETH Zürich habe ich z.B. untersucht, wie menschliches Biofeedback mit räumlicher Wahrnehmung korreliert. Wir haben bei Testpersonen die Herzfrequenz in bestimmten urbanen Umgebungen gemessen und konnten daraus ableiten, dass bestimmte Architektur Stress erzeugt. Diese Forschung und schliesslich auch meine Promotion waren in den Bereichen zwischen maschinellem Lernen, Geometrie und menschlicher Raumwahrnehmung angesiedelt.

Als ich während meines Doktorats Kontakte in die Schweizer Immobilienbranche knüpfte, wurde mir klar, dass hier massive Datenpotentiale brachliegen. Ich wollte auf meinen Forschungsergebnissen aufbauen und diese mit Hilfe neuartiger Digitalisierungmöglichkeiten für die Praxis anwendbar machen.

In meiner Doktorarbeit konnte ich zeigen, dass es möglich ist, Architekturmerkmale automatisiert aus Grundrissplänen oder Modellen herauszulesen und qualitativ zu beurteilen. Damit kommt eine semantische Ebene in die Bewertung von Architektur hinein, die bisher so nicht möglich war. Mit dieser Methode lassen sich neue Werkzeuge für Bewertung, Planung, Vermarktung und Beratung in der Immobilienbranche etablieren. Risiken oder Chancen etwa von geplanten Gebäuden werden schnell und mit wenig Aufwand offensichtlich – und Architektur langfristig besser. Das hat mich angetrieben, Archilyse zu gründen.


Was bieten Sie Ihren Kunden Neues an?

Das Geheimnis von Archilyse ist, Daten und Informationen mit Hilfe neuer Technologien so zu nutzen, dass sehr einfach Mehrwerte erzielt werden können. Mit Hilfe von Algorithmen können wir aus Grundrissen oder 3D-Modellen umfangreiche Analyseergebnisse generieren. Im Normalfall bekommen wir einen 2D-Grundrissplan mit der entsprechenden Adresse, konvertieren diesen in ein 3D-Modell und können für jeden Quadratzentimeter berechnen, wie sich der 3D-Ausblick ausgestaltet, z.B. wie viele Prozente meines Ausblicks ermöglichen mir den Blick auf den See oder ein besonderes Landmark, wie hoch ist der Strassenlärm, der die Wohnung in Mitleidenschaft zieht oder wie verhält sich die Sonneneinstrahlung übers Jahr verteilt.

Das Neue daran ist, dass wir auch die Nachbarschaft in diese Analysen miteinbeziehen: verbauen mir Gebäude den Blick, schlucken Bäume Schall oder bin ich im Winter in einem Tal ohne Sonneneinstrahlung?

Bisher wurden weder die Lage noch der Grundriss so detailliert bewertet. Faktoren, wie die Möblierbarkeit der Grundrisse, die Aussicht, die Nachbarschaft, die infrastrukturelle Anbindung oder die Entfernung zum nächsten Supermarkt bleiben meist auf der Strecke. Das Besondere ist, dass wir zahlreiche und komplexe Eigenschaften wie die bereits erwähnten bei unseren Analysen mit einbeziehen und damit Aussagen darüber treffen können, wie wohl man sich in einer bestimmten Architektur fühlt.

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Dadurch dass wir aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in Algorithmen übersetzen und in unser Verfahren einschliessen, können wir zudem Faktoren berücksichtigen, die auf den neuesten Forschungsergebnissen basieren. Dies wird bereits von führenden Unternehmen am Schweizer Immobilienmarkt genutzt.


Welchen Mehrwert bringen Ihre Analysen?

Unsere Analysen sind für Portfolio Manager, Immobilienentwickler und -bewerter, sowie Immobilienplattformen und Berater gleichermassen hilfreich:

Für Portfoliomanager und Bewerter ist die Generierung diverser zusätzlicher Informationen in Form von Daten zu ihren Immobilien interessant. Sie bekommen von uns Aussichts-, Belichtungs- und Lärmprognosen sowie Daten zu Grundrissqualitäten, Entfernung oder Fahrzeiten zu städtebaulichen Funktionen. Das geht weit über die Features der klassischen Bewertung hinaus. Diese Informationen helfen, die Mietpreisabschätzungen genauer zu machen und somit auch Leerstand zu minimieren.

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Für Planer und Entwickler bieten wir automatisierte SIA-Normprüfungen und automatisierte Kontrollen der Bauzonenordnungen an. Wir zeigen mit unserer Software auf, ob z.B. die SIA 500 eingehalten und das Gebäude somit barrierefrei ist. Oder wir ermitteln das maximal mögliche Bauvolumen und sorgen damit für eine höhere Planungssicherheit.

Für Immobilienplattformen bieten wir daneben noch adressbasierte Werte, die keine Grundrissinformationen benötigen. Und für Büroplaner und -berater haben wir eine Software zur Arbeitsplatzanalyse und -optimierung entwickelt. Mit unserer automatisierten Bürotestplanung lassen sich Flächen- und Leistungsanalysen, sowie Einrichtungsanalysen und -vergleiche nach kundenspezifischen Anforderungen durchführen. Damit lässt sich die Büroplanung und -einrichtung schnell und einfach optimieren.

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Unsere Ergebnisse sind alle in Echtzeit verfügbar, das heisst z.B., dass ich als Planer die Effekte meines Entwurfsprozesses kontinuierlich beobachten kann, sodass es mir leichter fällt, über mehrere Entwurfsiterationen hinweg schneller zu einem für mich idealen Plan zu kommen.


Wer profitiert davon? Besteht hier nicht die Gefahr, dass Wohn- oder Nutzflächen plötzlich viel teurer werden, wenn quasi keine subjektive, menschliche Einschätzung mehr stattfindet?

Ganz und gar nicht. Denn genauso, wie manche Wohnungen momentan zu teuer angeboten werden, sind andere zu günstig. Wir helfen dabei, eine ausgewogenere und transparente Schnittstelle zwischen Mietbedürfnis und Angebot zu schaffen. Das hilft dann auch, dass nicht am Markt vorbei produziert wird und unnötig Wohnungen leer stehen müssen.


Kann man Ihre Daten auch für weitere Zwecke nutzen, z.B. für die Auswahl oder Optimierung von Produktionsstandorten und -anlagen?

Bei der Auswahl und Optimierung von Produktionsanlagen kann unsere Software einfach und unkompliziert unterstützen. Einerseits können wir den Auswahlprozess eines neuen Standortes erleichtern, indem wir topographische- und infrastrukturspezifische Aspekte und Anforderungen in unsere Analysen einbeziehen. Dabei berücksichtigen wir Faktoren wie die Anbindung, die Aussicht, Lärmbelastung, Reisezeiten zu kundenspezifischen Zielpunkten und Sonneneinstrahlung. Diese funktionellen Qualitäten können als Parameter integriert und zur Ermittlung des besten Standortes genutzt werden. Andererseits lassen sich auch bestehende Produktionsstandorte oder -anlagen optimieren. Wir können überprüfen, ob die Laufwege optimal geplant und die Fluchtwege effizient organisiert sind.


Wem gehören die Daten und wie sicher ist Ihr System? Wenn ich beispielsweise eine Firma aufgrund Ihrer Daten ein- resp. ausrüste und diese Daten in falsche Hände kämen, könnte das verheerend z.B. für meine Produktion werden…

Wir nutzen für unsere Schweizer Kunden nur Schweizer Serveranbieter. Dabei haben wir eigene Datenräume für jeden Kunden. Im Grund sind die Daten mit denen wir arbeiten aber weniger sicherheitsrelevant – spannend wird meisterst, was unsere Kunden mit unseren Ergebnissen machen.


Können Sie uns von konkreten Beispielen erzählen, wo Sie mit Ihrem Produkt zusätzlichen Nutzen erbringen konnten?

Obwohl wir hier bereits einige sehr erfolgreiche Anwendungen vorweisen können, habe ich definitiv ein Lieblingsprojekt. Mit einem der grössten Schweizer Immobilienportfolios konnten wir eine Gesamtlösung ausarbeiten. Wir kommen dabei ins Haus, holen die Planboxen des Archivs ab, scannen alles und bringen die Boxen wieder zurück ins Archiv. Parallel dazu verarbeiten wir alle dann digital vorliegenden Pläne, generieren IFC-Modelle automatisch, simulieren alle Kennwerte und liefern über ein Partnerunternehmen sogar eine Mietpreisbewertung – optimiert für jede einzelne Wohnung. Daraus lassen sich nicht nur höhere Mieterträge erzielen, auch laufende Kosten werden damit drastisch reduziert. Dieses Projekt zeigt das Potential unserer Anwendung, und wie Immobilienentscheidungen in Zukunft getroffen werden.

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Wo sehen Sie die Entwicklung Ihres Unternehmens für die Zukunft?

Bei profanen und repetitiven Aufgaben, wie das Entwerfen von Wohnhäusern und Bürogebäuden, wo ein hoher Innovationsdruck besteht, werden Algorithmen sicherlich massiv eingreifen. Einige Tätigkeiten werden hierbei in Zukunft wegfallen, wenn ich z.B. den Grundriss nicht mehr auf die Einhaltung von SIA-Normen checken muss, weil das schon vorher der Computer gemacht hat.

Wir stehen gerade am Scheideweg zu einer Zukunft, die durch Klimawandel und Digitalisierung dominiert werden wird. Wir sehen uns in der Pflicht, verantwortungsvoll zu gestalten und die besten Werkzeuge für die anstehenden Aufgaben zu entwickeln.

Die gesamte Zeit, die durch unsere Methoden freigesetzt wird, kann man dann nutzen, um Neues zu schaffen und kreativer bessere Lösungen zu entwickeln.

 

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Veranstaltungshinweise

 

«Olympic House», Symbol der Nachhaltigkeit (Blog)

Eine neue Pumpe macht noch keine Effizienz (Blog)

Smart Home in a connected world (Blog)

Das richtige Licht, zur richtigen Zeit, Lichteffekte beurteilen (Artikel, bulletin.ch)

Für zukunfts­weisende Gebäude, Energieeffizienzmassnahmen (Artikel, bulletin.ch)

Biologisch wirk­sames Licht für privaten Einsatz, LED-Leuchte integriert Funktionalitäten in einem Gehäuse (Artikel, bulletin.ch)

Digital bauen, digital wohnen, NEST-Unit DFAB HOUSE eröffnet (Web-Artikel)

 

Grafiken: Archilyse
Foto: Clickphoto Switzerland auf pixabay

 

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