Mythen rund um die Elektromobilität

In der Elektromobilität blicken wir auf spannende Entwicklungen zurück. Anfänglich noch als unmögliche Idee abgetan, entwickelt sie sich nun mehr und mehr als Weg der Zukunft. Für das Jahr 2020 sind so viele Markteinführungen von Elektroautos wie noch nie geplant und alle grossen Automobilhersteller halten mindestens ein energieeffizientes Fahrzeug in ihrem Portfolio bereit. Trotz dieses Wachstums, ranken sich nach wie vor unzählige Mythen um das Thema Elektromobilität. Elektroautos sind gefährlich, sie tragen nichts zur Energiewende bei, sie rechnen sich nicht und die Ladeinfrastruktur ist katastrophal. Kurt Wallerstorfer (CTO/CIO BlueSky) räumt am «Elektromobilität und Solarstrom» Infoabend im Juli 2018 in Horgen mit Halbwahrheiten auf.

Sind die Mythen von damals die Mythen von heute?

Man ist heute immer noch mit denselben Argumenten konfrontiert. Es sei gefährlich, die Reichweite sei zu gering. Früher hiess es, es gäbe nicht genug «Tankstellen», heute heisst es, es gäbe nicht genug elektrischen Strom. Man ist heute immer noch mit denselben Argumenten konfrontiert und die Mythenszene ist eigentlich immer noch dieselbe. Aber dank des Internets und der neuen Medien ist es immer schwieriger, solche Mythen aufrechtzuerhalten und zu verbreiten.

Wallerstorfer Mythen Elektromobilität

Das heisst, die Mythen von damals sind langsam am Verschwinden und es entstehen keine Neuen mehr?

Würde ich sagen, ja.

Welcher Mythos ist bisher ausschlaggebend für einen Nicht-Kauf?

Dass man mit Elektromobilität niemals Geld verdienen wird, denn Tesla tut es auch nicht. Ein weiterer Mythos ist, dass ein Elektrofahrzeug immer teuer sein wird.

Ist das teure Elektrofahrzeug im Endeffekt wirklich viel teurer?

Nein, in vielen Fällen ist es sehr viel erschwinglicher, bedingt durch die steuerlichen Vergünstigungen. Die Total Cost of Ownership* ist tatsächlich dramatisch günstiger. Durchschnittlich liegt der Break-Event-Point* bei einem Elektrofahrzeug bei 5 – 6 Jahren. Ab diesem Zeitpunkt ist die Anschaffung kompensiert und die Ausgaben werden günstiger als das mit einem Benzin- oder Dieselfahrzeug der Fall ist. Das Problem ist allerdings, dass Sie dem Otto-Normalverbraucher nicht so viel Betriebswirtschaft vermitteln können, dass er sich das alles selbst ausrechnet. Und nachdem grosse Marketingorganisationen recht viel Geld investierten und immer noch investieren, um den Mythos «Elektroautos sind unendlich teuer» aufrechtzuerhalten, wird sich dieser so lange halten, bis auch die Anschaffungskosten geringer werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist Norwegen. 50 % aller zugelassener Fahrzeuge sind dort Elektroautos. Der Erfolg liegt allein in der Tatsache, dass ein Elektrofahrzeug bei der Anschaffung genau gleich viel kostet wie ein Benzinfahrzeug. Sobald der Break-Even-Point* erreicht wird, ist der Durchbruch nicht mehr aufzuhalten.

Welche Kritikpunkte sind wirkliche Tatsachen?

Wirkliche Tatsachen sind die geringe Reichweite und die noch langsame Ladesituation. Das sind tatsächlich greifbare Nachteile von Elektrofahrzeugen, die viele abschrecken. Das ist Realität und man arbeitet bereits mit Hochdruck an Nachbesserung. Es ist auch zu erwarten, dass sich diese Umstände relativ schnell bessern werden.

Warum halten sich diese Mythen so hartnäckig?

Weil die Automobilindustrie Millionen von Euros investiert, damit sie am Leben bleiben. Die Automobilindustrie tut momentan alles, um Zeit zu gewinnen, damit die Kunden so lange verunsichert sind, bis sie alle selbst in den Startlöchern stehen und das wettgemacht ist, was sie versäumt haben. Ich erwarte hier im Jahr 2020 das Wendejahr. Dann werden alle grossen Automobilhersteller ein Elektroangebot im Programm haben und ab diesem Tag werden sämtliche Marketingorganisationen in dieses Rohr blasen.

Wer profitiert von davon?

Hauptsächlich die Automobilindustrie – die halten ihr Geschäft solange bis die neue Technologie auch bei ihnen verfügbar ist. Die spielen momentan auf Zeit. Im Prinzip sind es alle Interessensgruppen, die hier profitieren. Im österreichischen Rundfunk lief beispielsweise eine Sendung mit geladenen Gästen (Diskussionsrunde) über die Zukunftstechnologie im Automobilbereich. Anwesend waren der Vertreter der Automobilindustrie, ein Autobauer und der Öamtc (österreichischer Automobilclub). Alle haben ausschliesslich für Benzin- oder Dieselmotoren argumentiert. Es war niemand da, der ein Gegenargument hätte bringen können, ausser Zuschauer im Publikum oder per Telefon. Ich war erstaunt, dass auch die Automobilclubs voll in Richtung Verbrennungsmotor argumentierten. Später fiel mir auf, dass mit dem Aufkommen des Elektrofahrzeuges, deren Business-Modell über den Jordan geht. Weil wenn das Auto so viel zuverlässiger wird – und Elektroautos sind mindestens drei bis fünf Mal zuverlässiger – wer wird dann noch einen Automobilclub brauchen? Die sitzen im selben Boot. Es gibt mehr Nutzniesser als nur die Automobilindustrie.

Wie sollten Autohersteller, Fachverbände, die Branche über solche Mythen, resp. das Thema Elektromobilität aufklären?
Was funktioniert bisher, was nicht?

Das Internet leistet hier einen grossen Beitrag. Nehmen wir als Beispiel mein Video. Mit dem habe ich um die  40 000 Views erreicht. Das war in dem Stil nie geplant. Normalerweise erreicht man das nur, wenn sich eine Katze vom Hausdach stürzt. Mit langen Beiträgen, wie mit meinem Video, ist das schon aussergewöhnlich. Ich habe über 1 000 Zuschriften und ca. 800 Kommentare erhalten. Heutzutage kann man mit modernen Medien so viel bewegen, dass man verstaubten Organisationen nur noch wenig Glauben schenkt. Ich denke, der grösste Mythenkiller ist das Internet.

Was sind die Mythen der Zukunft?

Hellseherische Fähigkeiten besitze ich leider keine, aber ich meine, dass sich beim Vergleich Wasserstofffahrzeug / Elektrofahrzeug noch einiges tun wird. Auf der einen Front hat man mit schlechtreden nichts erreicht und nur verloren. Ich kann mir vorstellen, dass man das auch mit Wasserstofffahrzeugen versuchen wird. Aber dann ist im Bereich Antrieb nicht mehr viel zu holen, was sich negativ auf Verkaufszahlen auswirkt. Der Elektroantrieb ist extrem effizienter. Den gibt es schon seit über 150 Jahren, das heisst er ist sehr ausgereift und es wird so schnell nichts Besseres kommen. Dass die Mobilität zur Gänze auf Elektromobilität umsteigt, ist ausser jeglicher Frage und er wird schneller geschehen als viele glauben.

Was benötigt es heute, damit wir in Sachen Elektromobilität den nächsten Schritt tun?

Politische Organisationen, wie beispielsweise die Gemeinde Horgen, sind dazu aufgefordert CO2 neutral zu werden. Das hat eine wesentlich stärkere Signalwirkung als angenommen. Ich glaube, dass sowohl im Kleinen als auch im Internet die grösste Wirkung zu erzielen ist. Ich bin zuversichtlich, dass der Druck weiterhin steigen wird.

Nichts ist so mächtig wie eine Technologie, deren Zeit gekommen ist.

Der ganze Prozess ist nicht mehr aufhaltbar. Und da ist egal, ob wir wollen oder nicht wollen, ob grosse Konzerne wollen oder nicht, es ist vollkommen unerheblich. Der Ruf der Neuzeit hat uns bereits überholt.

Unsere Broschüren zum Thema finden Sie online.
 


Total Cost of Ownership*: ist ein Abrechnungsverfahren, welches Verbrauchern sowie Unternehmen helfen soll, alle anfallenden Kosten von Investitionsgütern abzuschätzen.

Break-Even-Point*: ist in der Betriebswirtschaft der Punkt, an dem Erlös und Kosten eines Produktes gleich hoch sind und somit weder Verlust noch Gewinn erwirtschaftet wird.


Quelle: e'mobile
 

 

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