Schweiz im Aufwind?

Die Schweizerische EnergieStiftung analysierte in einer Kurzstudie den Stand und die Entwicklung der Solar- und Windenergieproduktion in den 28 Staaten der Europäischen Union und der Schweiz. Die Resultate für die Schweiz fallen ernüchternd aus: Im Pro-Kopf-Vergleich rangieren wir weit hinten. In der Gegenüberstellung zur Gesamt-EU belegen wir gerade einmal Rang 25 von 29 und in Relation zu acht umliegenden Staaten fallen wir sogar auf den letzten Platz zurück.

Der Ausbau insbesondere der Windenergie in der Schweiz kommt nicht voran. Demgegenüber legt die Entwicklung der Sonnenenergie auf sehr tiefem Niveau kontinuierlich zu. Noch immer ist der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtstromverbrauch marginal. Insbesondere die Photovoltaik bietet jedoch ein grosses Potential, das noch immer brachliegt. Gemäss der Kurzstudie der EnergieStiftung SES bedarf es investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen, um den Ausbau von Sonnen- von Windenergie voranzutreiben.

Grosses Potenzial für rasche Energiewende

Die neuen erneuerbaren Energien (Photovoltaik und Wind) leisten in der Schweiz aktuell nur einen marginalen Anteil an die inländische Stromproduktion. Und dies, obwohl die Schweiz traditionell einen hohen Anteil erneuerbarer Energien im Produktionsmix aufweist. Dies ist auf die Investitionen des letzten Jahrhunderts in die Wasserkraft zurückzuführen. Grundsätzlich wäre die Schweiz jedoch dank des hohen Anteils an Wasserkraft, alpinen Speicherkraftwerken, dem vorhandenen Kapital und einer geeigneten Struktur des Energiesystems prädestiniert, auch die neuen erneuerbaren Energien rasch für die Energiewende einzusetzen.

Für die Analyse wurde die gesamte Stromproduktion 2018 aus Sonne und Wind untersucht, die Pro-Kopf-Produktion, der Anteil am Gesamtstromverbrauch sowie die Entwicklung in den letzten Jahren. Die Daten zum Stromverbrauch der EU wurden Eurostat entnommen und für jene der Schweiz wurde auf das BFE zurückgegriffen. Zudem gingen die Verfasser auf die Entwicklungen im geografisch vergleichbaren Land Österreich (Binnenland) ein. Ebenfalls wurde Deutschland als Nachbarstaat und grösster Produzent erneuerbarer Energien zum näheren Vergleich herangezogen.

Pro-Kopf-Produktion

Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurde die absolute Stromproduktion in Gigawattstunden (GWh) in Relation zur Bevölkerung gesetzt. Bezüglich Stromverbrauch wurde zwischen Landes- und Endverbrauch unterschieden. Um den für das jeweilige Land repräsentative Stromverbrauch auszuweisen, wurde die Grösse des Endverbrauchs verwendet.

Ernüchterndes Resultat

Die Stromproduktion aus Photovoltaik und Wind pro Einwohner fällt im europäischen Vergleich äusserst ernüchternd aus. Dies steht im Kontrast gegenüber der Tatsache, dass die Schweiz eines der technologieführenden Länder überhaupt ist. Hier zeigen Theorie und Praxis (Umsetzung) eine erstaunliche Diskrepanz.

tabelle-ranking-stromproduktion

Der Anteil des in der Schweiz produzierten Solarstroms stieg seit 2010 kontinuierlich auf 46 kWh pro Einwohner an. Im Vergleich mit den EU-Ländern fallen die Produktion und die Ausbauraten jedoch nach wie vor sehr tief aus. Unsere nördlichen Nachbarn in Deutschland, die zu den PV-Spitzenreitern gehören, fällt diese Art der Stromproduktion mit 558 kWh pro Kopf um über 10mal höher aus, als jene in der alpinen, südlich gelegenen Schweiz.

Windenergie

2018 betrug die Schweizer Wind-Stromproduktion 121,8 GWh total, resp. 14 kWh pro Kopf. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies sogar einen Rückgang, der auf die ungünstigen Witterungsverhältnisse zurückzuführen ist. Gleichzeitig gingen keine neuen Windkraftanlagen ans Netz. Der Ausbau von Wind-Produktionsanlagen stagniert seit Jahren. Dies kontrastiert stark mit der Dynamik in den Nachbarstaaten. Im Binnenland Österreich beispielsweise beträgt die Stromproduktion aus Wind 759 kWh Pro-Kopf. In Deutschland beträgt diese sogar 1 348 kWh, also rund 100mal mehr als in der Schweiz. Dänemark gilt als Wind-Pionierland und liegt auch an der Spitze des Rankings mit einer Pro-Kopf-Produktion von 2 403 kWh Windstrom.

EU-Vergleich

Der Vergleich der Pro-Kopf-Stromproduktion aus neuen erneuerbaren Energien unter den 28 EU-Staaten zeigt, dass die Schweiz auf dem 25. Platz weit hinten rangiert. Einzig Ungarn, Slowenien, die Slowakei und Lettland produzierten weniger Solar- und Windstrom. Spitzenreiter sind Dänemark (2 568 kWh pro Kopf), Deutschland (1 905 kWh) und Schweden (1 691 kWh). Der Anteil Solarstrom am Schweizerischen Stromendverbrauch betrug 2018 3,5 %, der Anteil Windstrom sogar bloss 0,2 %. Daraus ergibt sich ein Gesamtanteil von 3,7 % der neuen erneuerbaren Energien am Stromendverbrauch. Im Vergleich mit dem europäischen Umland schneidet die Schweiz wiederum schlecht ab.

Wind_und_Sonnenstromproduktion_im_Vergleich

Die Schweiz konnte auch 2018 keine Plätze gut machen und verharrt auf einem tiefen Solar- und Windstrom-Produktionsniveau. Im letzten Jahr wurden keine neuen Windkraftanlagen in Betrieb genommen. Sie stagnieren bei 37 grösseren Anlagen. Als Vergleich tagen Windenergieanlagen in Österreich 10,3 % der Stromnachfrage bei. Dies ist mehr als das 20-fache der Schweiz. Bezüglich PV-Stromproduktion verläuft die Entwicklung hingegen ähnlich schleppend wie in der Schweiz. Deutschland verdreifacht seine Strommenge aus Wind- und Sonnenenergie.

Grosses Potenzial und sinkende Kosten

Schätzungen des Bundesamts für Energie zeigen, dass das ausschöpfbare Solarstrompotenzial der Schweizer Gebäude rund 67 TWh im Jahr beträgt. Dies übersteigt den gegenwärtigen Stromendverbrauch von 58 TWh pro Jahr deutlich. Auch global gesehen besitzen Solar- und Windenergie das Potenzial, die tragenden Energieträger in einem erneuerbaren Energiesystem zu sein. Eine im April 2019 publizierte Studie der Energy Watch Group präsentiert ein umfassendes Szenario mit Modellierungen auf Stundenbasis, wie die globale Energieversorgung basierend auf 100 % erneuerbaren Energien aussehen kann. Der Grossteil der Energieversorgung trägt hierbei die Photovoltaik (69 %) sowie die Windenergie (18 %) bei. Bemerkenswert ist zudem der grosse Preiszerfall, der sowohl bei Strom aus Wind- als auch Photovoltaikanlagen zu beobachten ist.

 

Kurzstudie «Ländervergleich 2018» Solar- und Windenergieproduktion der Schweiz im europäischen Vergleich (Web)

Power to Change, die Energierebellion (filmsfortheearth, Video)

«Energie – sonnenklar», Photovoltaik: Technik und Infrastruktur (Info-Broschüre, PDF)

Windkraft in Deutschland: Windenergie liefert fast drei Viertel des erwarteten Stroms (Artikel bulletin.ch)

Energiebilanz von Solarstrom; Von Facts und Fake News (Artikel bulletin.ch)

«Quartierstrom» – eine Schweizer Premiere, Mini-Solarstrommarkt (Artikel bulletin.ch)

 

Veranstaltungshinweis

 

Quelle: Kurzstudie energiestiftung.ch 
Foto: Lukas Bieri auf Pixabay

 

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