Testlauf für künftige Energieversorgung der Schweiz

Eine intelligente Stromsteuerung soll der Energiewende zum Durchbruch verhelfen. Die Start-up-Gründer von Aliunid lancierten deshalb anfangs Mai einen Feldtest mit Kunden, Versorgern und Produzenten. Das erklärte Ziel der beiden Initianten ist, mit Schweizer Cloud-Technologie und einer kompetenten Community in die Energiezukunft zu gehen.

Die Tage der berechenbaren Stromproduktion sind gezählt. Witterungsbedingte Schwankungen und «neue» Kundenbedürfnisse erfordern mehr Flexibilität und eine verlässliche Netzsteuerung. Auf Basis einer eigens entwickelten IoT-Plattform wollen die Schweizer Unternehmer David Thiel und Andreas Danuser praktische Erfahrungen mit dem flexiblen Zusammenspiel von Endkunden, Verteilnetzbetreibern und Energieproduzenten sammeln. Neben der Messung von Lastflüssen in Echtzeit ist auch der Einsatz von Prognose- und Steuerelementen geplant. Die Verantwortlichen wollen damit den Boden für ein flexibles, dezentrales Versorgungssystem bereiten, das die sichere und günstige Umsetzung der Energiestrategie 2050 ermöglicht. Der Feldtest wird durch das Bundesamt für Energie (BFE) unterstützt. Grosse Wasserkraftproduzenten, ein Dutzend Energieversorgungsunternehmen sowie die Empa, die Berner und die Walliser Fachhochschulen und die Universität St. Gallen nehmen am Feldtest teil.

Vereinte Kräfte nötig

Die vom Schweizer Stimmvolk 2017 beschlossene Energiestrategie 2050 sieht den schrittweisen Umbau des Energiesystems, d. h. den Ausstieg aus der Kernenergie, Ausbau der erneuerbaren Energien, Erhöhung der Energieeffizienz, vor. Das macht die Energieversorgung der Schweizer Bevölkerung noch weit stärker vom Wetter abhängig.

«Die für die künftige Versorgung nötige Flexibilität kann nur im Gesamtsystem, das heisst gemeinsam und in Echtzeit vom Endkunden bis zum Kraftwerk in den Alpen erzeugt werden. Die Rolle der flexiblen Wasserkraft wird dadurch in der Schweiz und im Ausland noch viel wichtiger als heute.»
Paul Michellod, Generaldirektor FMV

Flexibilität heisst also das magische Wort, um die Bevölkerung weiterhin sicher und kostengünstig mit Energie zu versorgen. Diese Aufgabe ist mit energiewirtschaftlichen Herausforderungen verbunden, die nur in einem neuen Gesamtsystem und mit vereinten Kräften lösbar sind. Genau diesem Ansatz ist die Aliunid-Community verpflichtet, deren Mitglieder aus der ganzen Schweiz stammen.

«Für die Umsetzung der Energiestrategie 2050 braucht es ein neues, integriertes Versorgungssystem mit den entsprechenden Kompetenzen. Eine Community von gleichgesinnten Produzenten, Verteilern und Versorgern macht das möglich.»
Dr. David Thiel, Delegierter des VR Aliunid

Ein Dutzend Energieversorgungsunternehmen, mehrere Wasserkraftproduzenten und eine Gashandelsfirma haben sich zusammengeschlossen, um mittels moderner Technologie gemeinsam eine Schweizer Lösung für ein neues flexibles Versorgungssystem zu schaffen.

Swiss Internet of Things

Basis ist die eigens entwickelte SIOT-Plattform (Swiss Internet of Things). Dies ist eine moderne, hundertprozentige Schweizer Cloud-Technologie. Sie stellt die laufende Erfassung von Echtzeitdaten beim Endkunden sicher und ermöglicht die Laststeuerung, die es zur Flexibilisierung der Stromnachfrage braucht (Demand-Side-Management). Dank Konnektivität und dem entsprechenden Zugang zu allen Wertschöpfungsstufen entsteht ein dezentrales, virtuell zusammenhängendes und höchst flexibles Energieversorgungssystem – eine Art «atmende» Versorgung: Bei Überangebot im Netz können die Endkunden Strom einspeichern, «einatmen», bei Mangel können sie Strom abgeben, d. h.«ausatmen».

«Um eine atmende Versorgung sicherzustellen, müssen Energieflüsse in Echtzeit und dezentral erfasst und beeinflusst werden. Unsere digitale Plattform muss deshalb sicher und hoch verfügbar sein und die Dateninhalte schützen. Das heisst: Die systemkritische Infrastruktur muss vollständig in der Schweiz und unter hiesiger Kontrolle sein.»
Dr. Andreas Danuser, CTO / Mitglied VR Aliunid

Als virtueller Versorger koordiniert Aliunid über seine SIOT-Plattform die systemweiten Energieflüsse und gleicht Schwankungen aus.

Mehrstufiger Feldtest bis Mitte 2020

Der Feldtest dauert bis Mitte 2020 und umfasst mehrere Stufen: Messung, Prognose und Steuerung, flexibles Beziehen und Abgeben von Energie, Auswertung und Verbesserung. Die Erfahrungen fliessen in die Fertigstellung konkreter Produkte ein, die künftig angeboten werden sollen. Dies soll die sichere und günstige Umsetzung der Energiestrategie 2050 unterstützen.

Am Feldtest beteiligen werden sich unter anderem die Wasserkraftproduzenten Forces Motrices Valaisannes (FMV) und Azienda Elettrica Ticinese (AET), die Energieversorgungsunternehmen von Burgdorf, Delémont, Genf, Gland, Grenchen, Interlaken, Lugano, Murten, Sitten-Siders, Uster, Wohlen und Yverdon sowie die Empa, die Berner und die Walliser Fachhochschulen und die Universität St. Gallen.

 


Aliunid – ein Business Ökosystem von Produzenten, Verteilern, Versorgern und Endkunden

Das Start-up-Unternehmen ist ein Pilotprojekt des Bundesamts für Energie (BFE). Es soll die technischen, regulatorischen und energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen ausleuchten, die zur Umsetzung der Schweizer Energiestrategie 2050 notwendig sind. Zur Gemeinschaft gehören aktuell 14 Energieversorgungsunternehmen (EVU), 2 Wasserkraftproduzenten und eine Gashandelsgesellschaft an. Seit Anfang April läuft ein Feldtest mit maximal 20 Partnern der ganzen Schweiz.

 

Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmprogramm (BFE, Web)

Nachhaltige Energieversorgung in der Schweiz (Blog)

Mit «FaktorEnergie» zu mehr Effizienz und Rendite (Blog)

Die Digitalisierung der Stromversorgung, (Artikel, bulletin.ch)

Ein Denkmodell anstatt einer Prognose (Artikel, bulletin.ch)

Fit für die Zukunft? EVUs vor Herausforderungen, (Artikel, bulletin.ch)

 

Veranstaltungshinweise

 

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

 

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