Unwissenheit und fehlende Erfahrung bremsen die Energiestrategie 2050

Was brauchen Schweizerinnen und Schweizer, um ihr Verbrauchsverhalten zu ändern? Was ist entscheidend für die Unterstützung von Technologien und Infrastrukturprojekten? Das Nationale Forschungs-Programm (NFP) Energie hat zahlreiche Akzeptanzfaktoren identifiziert.

Die Nationalen Forschungsprogramme «Energiewende» (NFP 70) und «Steuerung des Energieverbrauchs» (NFP 71) haben die zentralen Einflussfaktoren für die gesellschaftliche Akzeptanz von Technologien und Verhaltensänderungen untersucht und zu konkreten Handlungsempfehlungen verdichtet. «Akzeptanz» bildet den thematischen Schwerpunkt im Abschluss der NFP 70 und 71.

«Grundsätzlich stehen die Schweizerinnen und Schweizer dem Umbau des Energiesystems positiv gegenüber. Vorbehalte in der Bevölkerung etwa gegen ökologische Steuern oder neue Technologien hängen oft mit mangelnder Kenntnis der Funktionsweise und Wirkung zusammen. Ähnliches gilt für politische Eliten, die ebenfalls schon eingeführten oder aus anderen Kontexten bekannten Instrumenten eher zustimmen», hält Andreas Balthasar, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 71, fest.

So glauben 60 % der Bevölkerung, dass eine Lenkungsabgabe wegen der Rückverteilung keinen Effekt auf den Energieverbrauch habe. Architekten und Bauherren verzichten auf gebäudeintegrierte Photovoltaik, weil sie nicht damit vertraut sind. Wissensdefizite sind aber nicht die einzigen Hemmnisse. Staatliche Vorgaben, zu kurzfristige Kosten-Nutzen-Überlegungen und die Tatsache, dass bei Unsicherheit negative Informationen grundsätzlich stärker gewichtet werden als positive, stellen ebenfalls Herausforderungen dar. 

Umfassende Untersuchung der gesellschaftlichen Akzeptanz

Unter der Bezeichnung «NFP Energie» werden die über 100 Projekte der NFP 70 und 71 zusammengefasst. Dieses liefert unter anderem eine umfassende Untersuchung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Massnahmen zur erfolgreichen Transformation des Energiesystems. Balthasar fasst die Erkenntnisse zusammen: «Akzeptanz muss auf drei Ebenen erarbeitet werden: Das Fundament bilden glaubwürdige und transparente Informationen. Darauf aufbauend müssen Bevölkerung und Wirtschaft sowohl den Gesamtnutzen als auch individuelle Vorteile erkennen können. Und schliesslich überzeugen konkrete, persönlich nachvollziehbare Beispiele.» 

Konkrete Handlungsempfehlungen

In einem mehrstufigen Prozess haben Akteure aus Energieforschung, Energiewirtschaft und Verwaltung auf Basis der wissenschaftlichen Grundlagen konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet:

  • Lokalen Bezug als wirksames Argument nutzen
    Schweizerinnen und Schweizer bevorzugen auch bei der Energieerzeugung einheimische Lösungen. Je besser ein Projekt in der Region verankert ist zum Beispiel durch Schweizer Investoren, regionale Genossenschaften oder Firmen umso breiter ist die Unterstützung, auch wenn dies möglicherweise mehr kostet oder das Landschaftsbild verändert.
     
  • Positive Beispiele vermitteln
    Gute Erfahrungen möglichst im engeren Lebensumfeld wirken positiv auf die Akzeptanz von Technologien und die Bereitschaft, das Verhalten zu ändern. Ein Einbezug in den Entscheidungsprozess steigert zudem die Akzeptanz von Infrastrukturprojekten.
     
  • Mit persönlichen Vorteilen überzeugen
    Auf der Prioritätenliste der Schweizerinnen und Schweizer nimmt Energie eine untergeordnete Position ein. Positive Nebeneffekte für Gesundheit, Lebensqualität, Komfort und Zeitverfügbarkeit durch neue Technologien und Verhaltensänderungen haben für die Meinungsbildung einen deutlich höheren Stellenwert als der Energieverbrauch.


Kernbotschaften

Die Untersuchungen des NFP Energie zeigen, dass Schweizerinnen und Schweizer gegenüber einem Umbau des Energiesystems grundsätzlich positiv eingestellt sind. Werden einzelne Technologien, Projekte oder persönliche Verhaltensweisen zur Debatte gestellt, ist die Akzeptanz jedoch oftmals nicht mehr so klar gegeben und muss mit gezielten Massnahmen erarbeitet werden. Als Basis dienen glaubwürdige und transparente Informationen. Dann müssen die Bevölkerung und die Wirtschaft sowohl den Gesamtnutzen als auch die individuellen Vorteile erkennen können. Den grössten Erfolg versprechen Vorgehensweisen, die im lokalen und im persönlichen Umfeld ansetzen, gefolgt von konkreten, nachvollziehbaren Beispielen. Akzeptanz ist nicht zuletzt eine Sache des Vertrauens!

 

NFP 70 und 71: das Nationale Forschungsprogramm «Energie»
In den Nationalen Forschungsprogrammen «Energiewende» (NFP 70) und «Steuerung des Energieverbrauchs» (NFP 71) des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) haben über 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in mehr als 100 Forschungsprojekten Erkenntnisse zur substanziellen Verringerung des Energieverbrauchs, zu neuen Technologien sowie zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für deren Implementierung in den kommenden 10 bis 30 Jahren erarbeitet.

Aufgrund zahlreicher Wechselbeziehungen haben die parallel laufenden NFP 70 und NFP 71 von Beginn an eng zusammengearbeitet. Beide NFP werden anfangs 2020 abgeschlossen sein. Ab Sommer 2019 werden unter dem Titel «Nationales Forschungsprogramm Energie» laufend Synthesen zu den Themenschwerpunkten «Energienetze», «Gebäude und Siedlungen», «Marktbedingungen und Regulierung», «Mobilitätsverhalten», «Wasserkraft und Markt» sowie im Januar 2020 das abschliessende Programmresümee publiziert.

Weitere Informationen zu den einzelnen Forschungsprojekten und zum Nationalen Forschungsprogramm «Energie» stehen ab sofort auf dem neuen Webportal www.nfp-energie.ch zur Verfügung.

NFP «Energie»
NFP 70 
NFP 71 

 

Veranstaltungshinweise

 

Nationales Forschungs-Programm Energie (Web)

Zehn Empfehlungen für die Zukunft (NFP, Web)

Energy System Integration ESI: Neue Wege zum Energiesystem der Zukunft (Blog)

BFE-Umfrage: Die Verbraucher sollen im Strommarkt mitentscheiden können (Blog)

Sparpotenzial bei Kabel- und Leitungsanlagen (Blog)

Energiesparen mit und in der IT, Einsatzmöglichkeiten von Computern im Energiebereich (Artikel, bulletin.ch)

Energieeffiziente Konzepte richtig umsetzen, Gebäudetechnik ganzheitlich betrachtet (Artikel, bulletin.ch)

 

Quelle: NFP
Foto: pixabay

 

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